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wenden und die Arme den Gräueln des Hungers und der Verödung und den hohen Senat der Strafe ſeines Gewiſſens zu überlaſſen.“ So haben wir uns unſern Studioſus auch im damaligen Burſchencoſtüme zu denken, im ſchwarzen deutſchen Rock, den weißen Hemdkragen um den nackten Hals und das ſchwarze Barret auf dem langen geſcheitelten Haare, die lange Tabakspfeife mit der ge⸗ waltigen Quaſte im Munde und den unantaſtbaren Ziegenhainer in der Fauſt. Kühner gehörte aber nicht zu jenen Söhnen der ungebundenen, ſturm⸗ und drangvollen Zeit, die damals durch die akademiſche Jugend gährte und brauſte, welche in jener Gährung zu Grunde gingen,— auch ſolche fehlten allerdings nicht—, ſondern er ging aus der Freiheit,„in der damals die Jünglinge gewagt wurden, um Männer zu werden“, ſelbſt als ein tüchtiger Mann hervor, ſtets ein Feind jener ſtrengen Behütungs⸗ und Bewahrungsmethode in der Erziehung,*) in der noch heute manche den Hauptſchlüſſel zu allen Geheimniſſen derſelben ſuchen. Jenes wilde Treiben der Zeit und jene urdeutſche„Abhär⸗ tungsrenommage“, in welcher ſich gerade viele treffliche Jünglinge, beſtrahlt von den Flammen des Wartburgfeſtes(am 18. October 1817) gefielen, war häufig genug mit dem edelſten Streben und mit wiſſenſchaftlichem Fleiße vereinigt, zu jenen Zeiten übrigens ſchon von den freiheitfürchtenden Augen der Metternich'ſchen Politik argwöhniſch belauert. An die romantiſch myſtiſche Richtung, die z. Th. auch in der Burſchenſchaft Wurzel faßte, ſchloß ſich Kühner nicht an; beſonderen Einfluß auf ihn gewannen vielmehr die bekannten Profeſſoren Baumgarten⸗Cruſius und Danz. So weit wir es zu beurtheilen im Stande ſind, da Kühner von dogmatiſchen Streitfragen nicht zu ſprechen liebte, hat er Zeitlebens einer freieren Richtung angehört, welche mit ganzer Seele im Chriſtenthum ſtehend, fern jeder mythiſchen Verflüchtigung, durchaus nicht geſonnen der Kirche ihren Einfluß zu ſchmälern, wo es ſich um religiöſes Leben handelt, doch das Hauptgewicht legt auf den chriſtlichen Geiſt als ſittliches Lebenselement.
Von Jena ging er nach Leipzig, wo er mit dem theologiſchen Studium das pädagogiſche ver⸗ band. Hier wurde er Mitglied der von Chriſt. Friedrich Illgen geſtifteten hiſtoriſch⸗theologiſchen Geſellſchaft, lernte und lehrte aber auch an der von Gediker*) geleiteten neuen Bürgerſchule und an der Rathsfreiſchule, welcher der um das Leipziger Volksſchulweſen ſehr verdiente Carl Gott⸗ lieb Plato⸗**) vorſtand und die unter der Beihülfe von Joh. Chriſtian Dolz), ſeit 1793, zu einer Muſterſchule für das Volksſchulweſen geworden war. Unter der Leitung dieſer für ihren Beruf begeiſterten, demſelben mit größter Aufopferung ergebenen Männer, wurde auch der Studioſus Kühner in den lebendigen Strom des Unterrichts⸗ und Erziehungsweſens eingetaucht, und er iſt
*) Vgl. z. B. die Einladungsſchrift der Muſterſchule zu Frankfurt a. M. 1856 mit dem Herbartſchen Motto: Knaben und Jünglinge müſſen gewagt werden, um Männer zu werden und der Ueberſchrift: Schranken und Freiheit der Erziehung.
**) Ludw. Friedrich Gottlob Ernſt Gedike, geb. 22. October 1761 zu Boberow, einem Dorfe in der Mark Brandenburg, war von 1804— 1832 Director der neuen Bürgerſchule in Leipzig, dann in Ruheſtand verſetzt bis zu ſeinem Tode den 9. Juli 1838 in Breslau, wo er von 1783— 1791 Profeſſor am Eliſabethanum geweſen war.— Er iſt ein jüngerer Bruder des berühmten Directors des Berliniſchen Gymnaſiums in Berlin: Friedrich Gedike.
***) 6. April 1757 zu Halbau in der Oberlauſitz geboren, von 1792 bis zu ſeinem Tode 25. April 1833 unter Ablehnung manches ehrenvollen und vortheilhaften Rufes Director der Rathéfreiſchule.
†) 6. November 1769 zu Golßen in der ehemaligen Niederlauſitz geboren, ſeit 1793 neben Plato thätig, durch keinen noch ſo vortheilhaften Ruf ſeinem Amte abwendig gemacht, nach Plato's Tode Director der Rathsfrei⸗ ſchule, geſtorben den 1. Januar 1843, auch als Schriftſteller ſehr thätig.


