Aufsatz 
Dr. Carl Kühner : (Direktor der Musterschule Dezember 1851 bis Ostern 1867) ; ein Lebensbild
Entstehung
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dem Gebiete der Erziehung, auf dem Peſtalozzi als der Prophet einer neuen Zeit erſchien und auch von Fichte in ſeiner Rede an die deutſche Nation als ſolcher begrüßt wurde, erhob ſich ein neues Leben. Auch der junge hildburghauſen'ſche Schulrath war 1809 zu Peſtalozzi nach Ifferten entſendet worden und brachte nun Herz und Kopf voll von jener in Peſtalozzi lebenden Begeiſterung mit. In dieſem Sinne und von vorzüglichem Lehrtalent unterſtützt, leitete er ſein In⸗ ſtitut für Knaben und Mädchen der gebildeten Stände, dem auch Carl Kühner überwieſen wurde. Jene Begeiſterung dauerte fort, als die franzöſiſchen Ketten brachen, als zwiſchen Rodach und Eis⸗ hauſen die Siegesnachrichten oft noch ſpät Abends hin und hergetragen wurden, als der Alte von Rodach in feuriger Predigt aus dem Stegreif ſein volles Herz vor den Thränen der Kopf an Kopf gedrängten Gemeinde bei der Nachricht vom Einzug der Verbündeten in Paris hatte ausſtrömen laſſen können. Auch Hildburghauſen hatte ſich vom Rheinbunde gelöſt, und die geiſtvolle Herzogin Charlotte, Schweſter der Königin Luiſe von Preußen, konnte mit um ſo freierem Herzen ihr edles Streben allem Guten zuwenden. In dieſer Zeit alſo, woein ſolcher Hauch neuen Lebens über Schlachtfelder und Brandſtätten in die Schulen der Jugend wehte, kam Carl Kühner unter Nonne's Leitung, der namentlich in dem kleinen Herzogthume dieſen neuen Geiſt in unermüdlicher Thätigkeit verbreitete. Dann kam er auf das Gymnaſium, das er 1822 verließ, zuletzt noch von dem gelehrten Director Sickler**) lobend im Schulbericht erwähnt wegen eines griechiſchen Lobge⸗ dichtes, in welchem er den Herzog Friedrich an deſſen Geburtstage feierte(am 29. April 1822), und das er ſelbſt im Schulſaale vortrug. Seine Neigung wandte er als Schüler beſonders dem Griechiſchen, der Mathematik und Geſchichte zu. Seine Wohnung hatte er im Schloſſe bei ſeiner Großmutter der Frau Räthin Nonne, die Ferienzeit aber war er in der ſtillen Pfarre zu Eishauſen.

Im Herbſt 1822 bezog er als Studioſus der Theologie die Univerſität zu Jena, er trat in die Burſchenſchaft und hatte Gelegenheit an großen Bewegungen der Studentenwelt theilzunehmen, an die er noch 1859 mit einem gewiſſen Behagen dachte.***) Er zog nämlich mit den andern Muſenſöhnen aus der Stadt aus, als man durch einen Anſchlag am ſchwarzen Brette den Studenten das Singen auf offener Straße verbieten wollte. Er erzählt den Vorgang ſelbſt in launiger Weiſe:Alsbald (zur Antwort auf jenes Verbot) durchbrauſte im maſſenhaften Aufſtand der häuſererſchütternde Geſang:Das Volk ſteht auf, der Sturm bricht los, die alte Muſenſtadt, der Commers der ganzen Studentenſchaft tobte auf offener Straße mit zum Himmel ſchreiender Stimme, zum erſten Mal trugen wir unſere Schläger, die ſo oft ſchon in der Stille mit Blut befleckten, an's Tageslicht her⸗ vor. Da mußte der geängſtete Senat die Heeresmacht von Weimar rufen, daß ſie das gefährliche ſpitzige Spielzeug uns wieder abnehme. Und ein Glück war es, daß wir nach dreitägigem wilden Tumultuiren noch Beſinnung genug zu dem großen Entſchluſſe hatten, die edle Waffe nicht mit dem Blute der im Eilmarſche anrückenden Laubfröſche) zu beſudeln, ſondern Mann für Mann, in groß⸗ artigem Auszug, die blitzenden Schläger frei in der Fauſt, der alten Muſenſtadt den Rücken zu

*) Vgl. Kühner's vortrefflichen Nekrolog in der Dorfzeitung, der ſchon oben angeführt iſt.

**) Friedrich Carl Ludwig Sickler, geb. 28. November 1773 zu Gräfentonna im Gothaiſchen, iſt ein vielſeitig thätiger gelehrter Alterthumsforſcher, der bis zu ſeinem Tode am 6. Auguſt 1836 das Gymnaſium zu Hildburghauſen dirigirte.

***) Morgenblatt 1859. Studenten ſonſt und jetzt; unterzeichnet A..... x.

) Spottname der weimariſchen Soldaten.