Aufsatz 
Dr. Carl Kühner : (Direktor der Musterschule Dezember 1851 bis Ostern 1867) ; ein Lebensbild
Entstehung
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und unſere Grasmücke vergaß er nicht und brachte ihnen manchmal ein Dütchen mit fetten Mehl⸗ würmern in ſeiner Weſtentaſche mit.

So ſchildert uns der Großneffe ſelbſt jenen Verkehr mit demAlten von Rodach). Dazu kommen denn noch die faſt wöchentlichen Beſuche der Eishäuſer Pfarrer⸗Famillie vermittelſt der Kariole, die der große Falbe zog zuKoffee undTiegelkuchen in der Superintendentur zu Rodach.

Aber auch den Dichter Rückert, der damals 26 Jahre alt war, lernte der Knabe im Jahre 1814 in Rodach und auch im väterlichen Hauſe in Eishauſen kennen; damals ſcheint ihn faſt noch mehr die Eigenſchaft des Dichters ergötzt zu haben, daß er im Eifer des Geſprächs oder beim Vor⸗ leſen ſeiner Gedichte, wozu er ſich ſchwer entſchloß, Schachſteine, Fingerhüte, Schlüſſelchen u. dergl. in die Taſche ſteckte und wohl erſt am andern Morgen reuig wiederſchickte, als die Dichtungen ſelbſt. Er hat aber den Dichter zeitlebens ſehr hoch, vielleicht zu hoch geſchätzt und ihm inDichter, Ritter und Patriarch ein freundliches Denkmal errichtet.

Außer dieſen Anregungen, zu denen auch wohl Verkehr mit dem herzoglichen Hauſe in Hild⸗ burghauſen kam, ſpielt noch ein Stück Romantik in die Kühner'ſche Jugend hinein, das der reife Mann mit gewiſſenhafter Kritik als ein ungelöſtes Räthſel 1852 dem neugierigen Publicum vorge⸗ führt hat, und das dann bis in die neueſte Zeit zu verſchiedenen Romanen den Stoff lieferte.**) Im Angeſicht des Stübchens, in dem die Freunde(Hohnbaum und Pfarrer Kühner) ſaßen, ſtand das große ewig ſtumme Schloß, dem niemand das Geheimniß des darin verſchloſſenen Bewohners abzulauſchen vermochte, jenes ſtolzen einſiedleriſchen Grafen, der dreißig Jahre lang die ſchöne unbekannte Dame hütete und mit zäher Feſtigkeit das Räthſel ſeines und ihres Lebens mit in das eigene Grab nahm. Dieſer Unbekannte wurde ein Wohlthäter der ganzen Umgegend,ſtand mit dem Pfarrer in täglicher lebhafter Correſpondenz, ohne doch je mit ihm perſönlich zu verkehren, ließ ausländiſche Zeitungen und neue intereſſante Schriften bei nächtlicher Weile durch die klaffende Spalte der Thürſchwelle in's Pfarrhaus ſchieben, das er auch manchmal mit einer gräflichen Delicateſſe verſorgte. Können wir nun auch nicht behaupten, daß von dieſer Romantik eine beſondere Vorliebe für Romantik im allgemeinen in desPfarr⸗Carl Seele übergegangen ſei, an heiterer Schalkhaftigkeit fehlte es ihm nicht, und er verſtand auch das ridendo dicere verum, das wiſſen ſeine Freunde aus alter und neueſter Zeit; wohl möglich, daß der Verkehr des heitern Großoheims und ſeines Vaters dieſe erfreuliche Naturanlage in ihm unterſtützte.

Zwölf Jahre alt, alſo 1816, kam Carl Kühner nach Hildburghauſen zunächſt in das Inſtitut ſeines Oheims, des Dr. Carl Ludwig Nonne, der ſchon 1808 mit 23 Jahren in die obere Kirchen⸗ und Schulbehörde des Herzogthums als Rath aufgenommen war. Es war damals in der Zeit der politiſchen Erniedrigung Deutſchlands, welche auch Hildburghauſen in den Rheinbund getrieben hatte, ein reges geiſtiges Streben, ſich wieder ſittlich aus dem Elende aufzuraffen. Namentlich auch auf

*)Dichter, Ritter und Patriarch S. 99. Die Frau des Patriarchen war ſchon im Januar 1814 am Nerven⸗ fieber geſtorben.

**) Bülau: Geheimnißvolle Geſchichten und räthſelhafte Menſchen Bd. IV; darin Kühner's Aufſatz: Die Ge⸗ heimnißvollen im Schloſſe zu Eishauſen. Eine wahre Geſchichte ohne Löſung. In beſonderm Abdruck ohne Namen des Verfaſſers, bei F. A. Brockhaus in Leipzig 1852 erſchienen. Die über dieſen Stoff erſchienenen Romane ſind in Dichter, Ritter und Patriarch S. 80. Anm. aufgezählt. Wir müſſen die Wißbegierigen auf Kühner's Schrift ver⸗ weiſen. Wie Brückner in ſeiner Landeskunde des Herzogthums Meiningen dazu kommt, dieſen ſogenannten Grafen Vavel mit Beſtimmtheit einen holländiſchen Brauereibeſitzer zu nennen, wiſſen wir nicht.