Aufsatz 
Dr. Carl Kühner : (Direktor der Musterschule Dezember 1851 bis Ostern 1867) ; ein Lebensbild
Entstehung
Einzelbild herunterladen

14

den Pferden konnte er in ſeinem ſpäteren Schulmeiſterleben nicht beſonders nachgehn, aber ſeine kunſt⸗ reiche Bella hat zum Ergötzen von Jung und Alt, auch zu dem des Berichterſtatters, manches politiſche Schelmenſtückchen darſtellen müſſen, und an einen gleichnamigen abgerichteten Hund des Candidaten der Theologie knüpft ſich eine gemüthlich heitere Geſchichte, die in der Familie umläuft. Glücklicherweiſe wurde das Geſetz der alten Muſterſchulordnung von 1817(Abſchnitt VIII.§ 9), welches den im Schulgebäude ſelbſt wohnenden Lehrern Koſtkinder oder Zöglinge bei ſich aufzunehmen, ſowie Hunde zu halten verbietet, nicht auch bei dem Director angewendet, der allerdings ſchon vor Kühner's Directorium der einzige Inhaber einer Amtswohnung im Schulhauſe war. Doch der Knabe zeigte auch lebhaften Leſe⸗ und Lerntrieb und reifte unter ſeines Vaters Unterweiſung für das Schul⸗ leben in Hildburghauſen heran.

Die liebſten Eindrücke aus der Eishäuſer Knaben⸗ und Jugendzeit, denn auch die Schul⸗ und Univerſitätsferien wurden zu Eishauſen verlebt, knüpfen ſich an den trefflichen Großoheim, den Superintendenten Hohnbaum von Rodach, deſſen älteſte Enkelin ſpäter unſers Kühner Frau ge⸗ worden iſt. Mit muſterhafter Feder hat er es verſtanden uns das Bild des trefflichen geiſtlichen Herrn zu zeichnen als desAlten oder des Patriarchen von Rodach,*) wir geſtehn, daß wir ſeine Darſtellung dem Rückertſchen Gedichte ſelbſt vorziehen, welches er dadurch auslegt. Der Verkehr mit dieſem lieben, würdig heiteren, bis zum Tode jugendfriſchen Verwandten brachte reiches Leben in die ſtille Pfarrei.So oft der Greis**) in das Pfarrhaus kam, er brachte immer neue Anregung, neue Gedanken und neuen Frohſinn mit, immer neuen Erwerb aus ſeinem ſtillen Leben und ſeinen einſamen Studien. Er war ein Tobias Witt,der nie weit über die nächſten Dörfer hinausge⸗ kommen war, und dennoch von der Welt mehr geſehen hatte, als mancher, der ſein Erbtheil in Paris oder Neapel verzehrt hat, und wie jener erzählte auch er gernkleine Geſchichten, die er hie und da aus eigener Erfahrung geſammelt hatte, und aus denen ein wahrer Schatz von Lebens⸗ weisheit hervortrat. Niemand verſtand, wie er, aus dem kleinbürgerlichen und einfältigen Leben ſo ſchönen idylliſchen Sinn herauszufinden; niemanden war auch das ridendo dicere verum ſo natürlich, als ihm.

Oft wendete ſich zwiſchen Oheim und Neffen das Geſpräch auf Amtsberuf und Viſſenſchaft, oft wurden Predigtgedanken ausgeſponnen und für den nächſten Sonntag zurecht gelegt. Auch brachte der Greis ſeine Gedichte***), ehe ſie in die Welt gingen, in's Eishäuſer Pfarrhaus zur Feile und ließ ſich geduldig die ſcharfen Striche des Neffen gefallen.

Manch hübſches Gedicht und Gedichtchen entſprang der heitern und geiſtig angeregten Stim⸗ mung, in welcher Oheim und Neffe verkehrten; manch feſtlicher Tag wurde damit verſchönert und manche Schalkhaftigkeit damit zugeſpitzt.

Auch der Knabe erfuhr die Freundlichkeit des lieben Greiſes. Wie manches ſchöne Bilderbuch hat er uns gemalt, und ſpäter uns ſelbſt Griffel und Pinſel führen lehren! Selbſt unſer Rothkehlchen

*) Der Alte von Rodach. Morgenblatt von 1860, auch abgedruckt in dem Converſationsblatt der Frankfurter Poſtzeitung. Später der Patriarch inDichter, Ritter und Patriarch. Frankfurt 1869. *) Chriſtian Hohnbaum war geboren den 6. November 1747 zu Rodach, war alſo 1812 ſchon 65 Jahre alt und ſtarb am 13. November 1825 ebendaſelbſt als Superintendent. ***) Hohnbaum dichtete nicht nur, er malte und muſicirte auch recht hübſch. Das dichteriſche Talent Rückert's hat Hohnbaum und ſein edler Freund, derRitter, Freiherr Chriſtian Truchſeß von Wetzhauſen auf Bettenburg, weſentlich zu Tage gefördert, indem ſie zuerſt ſeinen dichteriſchen Beruf gläubig erkannten und ihn durch ihren Beifall ermunterten.