— 9—
Aus ihnen entlehnte er zum Teil wörtlich. Vgl. Str. 12 der Kraniche mit der Ein- gangsstrophe des Chors, Str. 15 mit der Eingangsstrophe, mit der Str. 1 und dem Schlusse der Antistrophe; Str. 16 mit der Eingangsstrophe; Str. 17 mit dem ersten Teil der Anti- strophe und dem Epodos; Str. 18 mit der Eingangsstrophe.
*„*
Die Quellen der Fabel hat Schiller eifrig benutzt. In ihrer Auffassung aber leitete ihn seine Subjektivität. Ungerührt liess ihn das Charakteristische der Fabel, die Bedeutung, die sie den Kranichen zuweist. Die dürren Gleichnisse, aus denen sie ihm bekannt waren, belebten sich ihm nicht; ihm fehlte auch die„Erfahrung“, den„schönen Gebrauch“ von ihnen zu machen, den ihn Goethe später lehrte, und auch dann noch gestand er ordentlich widerstrebend, wenn auch mit Humor zu, dass„sie doch einmal die Schicksalshelden sind“ (SchG 30. August). Aber einen eigenen Anstoss gab ihm das echt Griechische der Fabel, das Theater und die Eumeniden, die die Ueberlieferung mehr beiläufig erwähnt. Und nun, erfüllt von dieser Welt, in der er lebte, denn er war„in ihren Dichtergeist eingegangen und hatte den Sinn des Altertums in sich aufgenommen““¹¹), getrieben von seinem Genius, alles Reale unter eine hohe Idee zu fügen, denn„der Gedanke war das Element seines Lebens“ ²), erfasste und verarbeitete er mit der Selbständigkeit des Meisters, was die Quellen ihm boten.
Mächtig standen vor seiner Seele die Eumeniden, die furchtbare griechische Vor- stellung von der Rache. Bei Aeschylus hatte er sie in ihrem ungeheuren, unersättlich leiden- schaftlichen Rachedurste kennen gelernt. In den Künstlern waren sie ihm in den Vorder- grund getreten unter allen gewaltig aus der Kunst in das Leben übergreifenden Wirkungen des Theaters(§. S. 5 und S. 18 f). Dann hatte wieder in der Uebersetzung des Aeschyleischen Chores Humboldt sie furchtbar erschütternd vor sein Auge geführt, der dort(Vorerinnerung 150) von ihnen als„einer der wichtigsten Formen des griechischen religiösen Glaubens“ spricht, denn es geschehe hier„die Bestrafung durch eigene dazu bestimmte Gottheiten“, und endlich hatte er selbst sie in demselben Jahre als ein Muster des Erhabenen gekenn- zeichnet(Schiller, Zerstreute Betrachtungen).
So waren die Eumeniden für ihn der hochbedeutungsvolle Ausdruck der griechischen Idee von dem ewigen unbedingten Gesetze der Rache. In diesem Sinne sah er die von der Ueberlieferung erwähnten Eumeniden als einen vorherrschenden Bestandteil der Fabel an. Die Anekdote vom Ibykus in ihrer unscheinbaren Gestalt schien ihm von dieser erhabenen griechischen ldee getragen zu sein. Diese Idee galt ihm nunmehr als das Wesentliche der Fabel, sie zu verkörpern schuf er den Eumenidenchor, ihr gegenüber trat die Bedeutung der Kraniche, trat die ganze einfache Erzählung zurück, ja sie musste sich eine Wandlung ihres Sinnes gefallen lassen.
Schiller hatte der Fabel einen neuen, ungeahnten Gehalt gegeben. Dabei war aber ein Missverhältnis in der Disposition des Gedichtes entstanden. Völlig beherrscht von seiner Idee, hatte er ihrer Verkörperung, dem Theater und den Eumeniden, den preitesten Raum in der Dichtung überlassen, dagegen waren die Exposition und der Schluss,
¹) Schimb Vorerinnerung 19. ²) Das. 12.


