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Man nimmt allgemein an, dass Schiller die folgenden Quellen der Erzählung ge- kannt habe: das Epigramm des Antipater, Plutarch De garrulitate, und Suidas s. Ibycus. ¹) Goedeke dagegen scheint F. Thomae Fazelli... de rebus Siculis... als Quelle zu ver- muten. ²) Die bekannte Erzählung bei Plutarch lautet:„Wurden die Mörder des Ibykus nicht ebenso entdeckt? Als sie im Theater sassen, und einige Kraniche vorüberflogen, flüsterten sie einander unter Lachen zu:„Da sind die Rächer des Ibykus!“ Die Nahesitzenden hörten es, und da Ibykus schon lange Zeit verschwunden war und gesucht wurde, so griffen sie das Wort auf und meldeten es der Obrigkeit. Infolgedessen überführt und hingerichtet u. s. w.“ (nach Plutarch und Viehoff ⁴0).
Wie den Stoff, so hat Schiller, nach dessen eigenem Zeugnisse(s. o. S. 5) ja alles, Zeit, Lokal und Gebräuche, altgriechisch gehalten sein sollte, auch für die Ausstattung, die Vorstellungen und Anschauungen, sowie den Ton und die Sprache des Ganzen aus der Welt des griechischen Altertums geschöpfté).
Hervorgehoben sei, dass der Dichter den im Briefwechsel(7. September) betonten realistischen Zug, die unerschütterliche Roheit des Mörders beim Erscheinen der Kraniche (§. S. 13), aus den Quellen in die veränderte Fabel mithinübergenommen hat. Hier wie in allen Versionen der Erzählung¹) lacht oder höhnt der Mörder beim Anblick der einst vom
¹) S. Schmidt 206, Götzinger I 213. Hoffmeister 312, Welcker Der Delphin etc. 103 u 104, ders. Ibykus 220, Lehrs 60, Hölscher 126, Viehoff 94, Düntzer II 169 u. 170 Anmerkung, Heller 225 und 226, Gude 261.
²) Gedichte, Anmerkungen S. 450; s. aber Düntzer a. a. O. S. oben S. 5, Anm. 2.
¹) S. Humboldts Urteil Schlmb Vorerinnerung 19— 21. Die Nachweise hierfür u. a. bei Düntzer und Viehoff; für die Diktion insbesondere— Entlehnungen und Reminiscenzen— Heller 220 u. 542, dagegen Bor- mann 359; s. ferner S. 19. Doch steht gegen die offenbare Voraussetzung Hellers, Schiller habe die griechischen Quellen unmittelbar benutzt, die bekannte Aussage Humboldts, Schiller habe die griechische Dichtung nur aus Uebersetzungen gekannt(Schlmb Vorerinnerung 18; vgl. Palleske II 364).
⁴) Diese Versionen sind für das Verständnis der ursprünglichen Fabel bedeutungsvoll. S. die ähn- lichen deutschen Legenden bei Schmidt, Götzinger, Welcker, Viehoff, Düntzer u. a. Neuerdings hat Amalfi (Zeitschrift des Vereins für Volkskunde VI, 1896, 115 ff.) Verwandtes aus Italien, Russland und dem Orient zusammengestellt. So u. a. eine noch heute in der Provinz Salerno lebendige Erzählung aus dem Munde eines Analphabeten. In diesen Erzählungen ist der Ermordete bald ein armer Mann(italienisch), bald ein Bauer (kleinrussisch) oder ein Derwisch(orientalisch). Die angerufenen Vögel sind Tauben, Rebhühner, Kraniche; der russische Bauer ruft eine Pflanze an. In allen Fällen lacht der Mörder, wenn er zufällig durch die Vögel an sein Vergehen erinnert wird und verrät sich so. Hierher gehört auch folgende arabische Erzählung, die ich der Güte des Herrn Professor Nöldeke in Strassburg verdanke und in den Hauptzügen mitteile: Muhammed ibn Marwan speiste einst mit einem kurdischen Polizeikommissar an einer Tafel, worauf zwei gebratene Rebhühner lagen. Da nahm der Kurde eines in die Hand und lachte. Er erzühlte dann, dass er in seiner Jugend als Strassenräuber einen Kaufmann getötet habe, der vor seinem Tode zwei Rebhühner als Zeugen anrief. Jetzt habe er sich der Thorheit des Ermordeten erinnert. Ibn Marwan sprach:„Freilich, bei Gott, haben sie wider dich gezeugt bei einem, der an dir Vergeltung für den Mann ausüben wird.“ Dann befahl er, ihn zu enthaupten. (Damiri, Das Leben der Tiere ed. Bulad 1284: 1,284; vgl. 1001 Nacht ed. Habicht Bd. 11.395 fl).
Welche Beziehungen diese verschiedenen Erzählungen zu dem Kern der Ibykuslegende und andrer- seits untereinander haben, ist noch zu untersuchen. Dass die Fabel von den Kranichen eine ältere Erzählung ist, die erst später auf Ibykus übertragen wurde, ist in hohem Masse wahrscheinlich(Welcker 103— 105 und 227, Lehrs 58 ff., Hölscher 126), und es kann immerhin sein, dass der Zusammenklang von gr. ibyx(wenn das„Kranich“ heisst!) mit Ibykus den Anlass zur Uebertragung gab(Welcker 227, Hölscher 126). Die älteste unter allen bekannten Quellen ist jedenfalls das Epigramm des Antipater(ein Jahrhundert vor unserer Zeit- rechnung). Amalfi a. a. O. möchte vermuten, dass die Sage von den Kranichen aus dem Orient, und zwar aus


