Aufsatz 
Immanente Parallelbehandlung des Goethe- und Schiller-Stoffes in Oberprima / Ludwig Schaedel
Entstehung
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Fauſt, Tell.

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die Rückkehr türmend hemmt, genügte Schillern in derBraut ebenſowenig als die Erklärung: in Deiner Bruſt ſind Deines Schickſals Sterne. Er wollte vielmehr die innigſte Verflechtung von Wollen und Müſſen, wie wir ſie alle erleben, und in den Höhepunkten des Daſeins am meiſten erleben, das Ineinander, die präſtabilierte Harmonie des eignen Verdienens und des zwingend vorbeſtimmten Loſes¹) darſtellen. Deshalb hat er auch fortwährend die eigne Schuld aller Handelnden aufs entſchiedenſte betont in dem ſtarren, wie mit dem Verſtand erklügelten Thema: zwei wiederverſöhnte Brüder geraten in tödlichen Zwiſt aus Liebe zur unbekannten Schweſter.(Doppelte Vertiefung gegen die Räuber).

Wie alſo wäre dem Schickſal zu entrinnen, was wäre das gottgefällige Verhalten ge⸗ weſen, durch deſſen Gegenteil die Meſſineſiſche Fürſtenfamilie ihren ungeheuren Sturz auslöſt? Nun, bekanntlich kann jeder Schickſalsſpruch ſich, um es trivial, aber bezeichnend, zu ſagen, in Wohlgefallen auflöſen: die antike Litteratur von Herodot bis Pauſanias wimmelt von ſolchen drohenden und ſchließlich ſchadloſen Orakeln. Es erſcheint eine harmloſe Deutung, wenn der Menſch ſich nicht dagegen ſtemmt. Beiſpielsweiſe hätte Iſabella mit der Tochter immer ge⸗ ſchehen laſſen müſſen, was der Vater verhängte, und das Kind dann aus dem Meere gerettet werden und ſeinem Hauſe den Segen bringen können. Etwa wie in dem Dramolet von Uhland,nor⸗ manniſcher Brauch. Aber das ſtete Widerſtreben, das Beſſer⸗Wiſſen und⸗Wollen ſchließt ein ſtraffälliges Meiſtern der Gottheit in ſich, und ſo biegt ſich der Menſch das Schickſal erſt zum Ver⸗ derben. Was des Menſchen Größe einſchließt: ſein Streben, ſeine freie Thätigkeit, eben das iſt zugleich ſeine Schuld.Ihr führt ins Leben uns hinein u. ſ. w. Beſonders auf das Poetiſche der Chöre iſt nachdrücklich hinzuweiſen, wie ſie das typiſch Allgemeinſte doch in immer neuen, friſch geprägten Bildern darſtellen; und, daß die einzelnen Choreuten von Schiller zugleich zu Charakteren ausgeſtaltet ſind(Cajetan, der Agrarier; Berengar, der nationale Politiker ꝛc.)

Wie beim Carlos auf den parallel geſtellten Egmont, die Aufgabe der II A, nur verwieſen werden konnte, ſo wird auch bei der letzten Parallele: Fauſt Tell, auf das Schillerſche Drama nur hingedeutet, da es ja in II B mit aller Gründlichkeit behandelt zu werden pflegt. Man erinnere, daß Tell in vornehmer Selbſtſucht das Wirken in der Gemein⸗ ſchaft ſcheut und erſt durch die Not zu einem Bürger wie andere wird. Sein Fehlen auf dem Rütli bildet ſeine tragiſche Schuld: dort gebunden, hätte er vor dem Termin jede unvorſichtige Reizung der Tyrannen unterlaſſen. Und dieſer Grundgedanke, der Bekehrung vom Egoismus zum Altruismus liegt, ſo Nikolaitiſchnüchtern es klingt, auch dem Fauſt zugrunde?). Mag der Grundgedanke der Fauſtſage ſonſt ſein, welcher er will, mag der Dichter ſelbſt, in verſchiednen Lebensepochen einen verſchiednen Sinn hineingelegt haben: für die Schule iſt jedenfalls das Reifen Fauſts zu altruiſtiſcher Lebensauffaſſung der Kern, nachdem ihn im erſten Teil Wiſſens⸗ ſtreben und Genuß, im zweiten die univerſalſte Polypragmoſyne erfüllte. Der Spott, mit dem er beim Oſterſpaziergang den dunklen Ehrenmann von Vater trifft, bildet das entſchiedenſte Gegenſtück zu jenem großen Abſchiedswort, zu dem er auch erſt durch die Kataſtrophe von Philemon und Baucis gereift wars).

Daß man ganz ohne Betrachtung des zweiten Teils nicht auskommt, erzwingt ſchon

¹) Die Rolle, welche dieſer tieferen Erkenntnis in der Philoſophie und in der Religionsgeſchichte (Prädeſtination) beſchieden war, ſei nur angedeutet.

²) Man mag ſonſt betonen, daß die Schweizer ſich als Opfer ihrer Reichstreue fühlen; daß Rudenz doch eine neue Zeit vertritt und das⸗Recht der wahren hiſtoriſchen Entwicklung; auch das Opernhafte, ſelbſt im Stil, des Einſatzes Bertha und Rudenz. Endlich, daß die lyriſche Einleitung,

dieſeStändelieder am Anfang aus Klopſtocks Hermann, gleichfalls am Anfang, ſtammen. ³) Thema: Vergleich mit den Grundgedanken bei Stephan Marlow(⸗Fauſtbuch).