Aufsatz 
Immanente Parallelbehandlung des Goethe- und Schiller-Stoffes in Oberprima / Ludwig Schaedel
Entstehung
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der Grundgedanke, den man übel zerbräche, wenn man nur die Tragödie, deren Heldin Gretchen iſt, beſpräche. Auch Vorſpiel und Prolog in extenso*). Man wird den erſten Teil möglichſt vollſtändig(z. B.Hexenküche auslaſſen;Auerbachs Keller privatim leſen ꝛc.) behandeln; und daß man die kraftvolleren Lesarten der Göchhauſenſchen Abſchrift zu Zeiten anmerke, überhaupt den erſten Kern herausſchäle, um den ſich dann, wie bei einer ägyptiſchen Königs⸗ pyramide, faſt Jahr um Jahr eine neue Hülle legte, iſt ſelbſtverſtändlich. Aus dem 2. Teil ſind die Schlußpartien weitaus die anziehendſten für den Unterricht. Zu einer Deklamation an Großherzogs(Kaiſers) Geburtstag eignete ſich uns die Gegenüberſtellung der verworrenen Reichszuſtände, wie ſie der Kanzler ſchildert, und von dem Segenswirken Fauſts am Schluſſe: eine ſchöne Verherrlichung der monarchiſchen Idee.

Eine Erläuterung, deſſen, was der Künſtler in die Rietſchelſche Doppelſtatue zu Weimar hineingelegt hat, wird die beſte Krönung und Wiederholung des Goethe⸗ und Schillerſtoffes bilden; ſie iſt ja unendlich charakteriſtiſch und geiſtvoll).

Daß der deutſche Unterricht durch die gegenwärtige Entwicklung mehr in den Mittel⸗ punkt der Gymnaſialarbeit gerückt wird, iſt nicht zu bezweifeln, und es iſt eine ihrer wenigen ſegensreichen Folgen. Er bedarf daher eines noch intenſiveren Betriebs; der aber kann erſt mit dem Zugeſtändnis einer vierten deutſchen Wochenſtunde eintreten. Dann erſt kann ein nochmaliger(34 Wochen beanſpruchender) Überblick über die Entwicklung eines jeden von beiden Dichtern, getrennt für ſich, gegeben werden; dann erſt kann die Hausarbeitszeit für Deutſch, die jetzt vom Aufſatz verſchlungen wird, für Privatlektüre, und beſonders für das jetzt unmög⸗ liche reichliche Auswendiglernen bedeutender Stellen benützt werden. Und endlich iſt es auch dann erſt möglich, der neuern und neuſten Litteratur, für die noch nicht einmal eine für Primaner brauchbare, mit kurzen Viten verſehene Chreſtomathie) vorhanden iſt, die nötige Rück⸗ ſicht zu ſchenken. Denn bloß mit dem erreichten Verſtändnis der Hauptwerke unſrer größten Dichter halten wir den Gymnaſiaſten zwar hinreichend erleuchtet, die Schönheiten der neuſten Dichtung zu empfangen, nicht aber für völlig gefeit gegen die Verlockungen ihrer Irrwege. Freilich daß ein Mann wie Brahm zu dem Schiller ſeiner Secundanerjahre mit Heimweh zurückkehren konnte, iſt gewiß von typiſcher Bedeutung für alle beſſer Angelegten; denn einen andern Grund in aestheticis und poeticis kann niemand legen, als der in Schiller und Goethe gelegt iſt.

²) Erprobtes Thema:inwiefern kommt in der Tragödie jede der drei Perſonen im Vorſpiel auf ihre Rechnung?

²) Abgeſehen von der XenieÜübereinſtimmung werden auch die erſten Zeilen von Schillers Glück eine nützliche Gegenüberſtellung beider Dichter im Aufſatz gegen Jahresſchluß veranlaſſen.

*) Stoff z. B. bei v. Hanſtein, in Meyers Litt. des 19. Jahrh. u. in Bierbaums lyriſchem Album.

16. II. 1001.

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