Aufsatz 
Immanente Parallelbehandlung des Goethe- und Schiller-Stoffes in Oberprima / Ludwig Schaedel
Entstehung
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dieſen Ort das Hinübertreten der Verzweifelnden aus einer Religionsform in die andre(Iſa⸗ bellens heidniſche Empörung), ſowie das vieldeutige Orakelweſen außerordentlich erleichtert. Endlich iſt dadurch das Hervortreten des weiblichen Elements ermöglicht; denn darin bildet doch die Andromache des Euripides(Pendant zur Maria Stuart, Streit der Königinnen) eine volle Aus⸗ nahme, daß hier das Erotiſche und das Weibliche ſo ſehr mitſpricht¹). Die Antigone des Sophokles z. B. könnte ebenſowohl ein jüngerer Bruder des Polyneikes ſein, trotz ihres Verlöbniſſes mit dem Haimon. Negativ erhebt ſchon die abſolute Entfernung alles Modernen beide poetiſche Gegen⸗ ſtände in eine ideale Höhe. Dem dient ferner die Wenigkeit der handelnden Perſonen, die Orakelwirkung in beiden Stücken, und für die Braut insbeſondere der Chor. Die Einflechtung Die Schickſals⸗ des Schickſals dürfte man nicht ſagen, denn es iſt für Goethes ſonnenklares Weltbild bezeichnend, didee. daß er mit dem Schickſal nichts anzufangen weiß, ſich dazu nur referierend und euhemeriſtiſch ausdeutend verhält in ſeiner Iphigenie, und einmal derb gerade herausſagt:das Schickſal, oder was dasſelbe iſt: die entſchiedene Natur eines Menſchen. Man denke auch, wie ſich das Dämoniſche, mit dem er gelegentlich einen Verſuch auf dem myſtiſchen Gebiete macht, doch wieder bei ihm in das Scurrile verliert. Schiller dagegen hat die größte Denkermühe an das Problem des Schickſals gewendet, die er ſich freilich hätte ſparen können, wenn er Bellermanns Lehre geahnt und geglaubt hätte, daß die antiken Tragödien in Wirklichkeit kein Schickſalswalten ent⸗ hielten. Dieſe ungeheuerliche Behauptung gegenüber der Ödipodie, der Oreſtie, dem Äſchyleiſchen Prometheus, den Heraklestragödien u. ſ. w. auf ſich beruhen laſſend, bemerke ich, daß der Um⸗ ſchlag des ausgeſprochenſten modernen Realismus ins Myſtiſche, Ibſens Rosmersholm, Klein Eyolf, Baumeiſter Solneß u. ſ. w., ebenſo wie Strindbergs Wandlung zum Katholicismus dafür genügt zum Beweiſe, es könnten die Geſtalten der Dichter auf der Bühne nicht nur auf dem glatten Boden der Wirklichkeit, ſie müßten irgendwie ſozuſagen auf einem doppelten Boden ſtehen. Grillparzer hat mit Moritz Schwinds Beifall einmal ſchön geſagt:

Laßt mir doch das Wunderbare,

Gar mancher hat's vor mir verehrt!

Allein ²) das Wirkliche das iſt das Wahre!

Das Wahre! aber nicht der Mühe wert! Schillers entſchloſſene Oppoſition gegen die bloße Illuſion, die Scheinſpiegelung der Wirklichkeit auf der Bühne, die er in der Vorrede über den Gebrauch des Chors und ſonſt häufig leiſtet, brachte ihn zu einer tieferen Erfaſſung des Lebens, wie wir ſie jetzt wieder in dem grundgeſcheiten Buch von AvonianusDramatiſche Handwerkslehre ernſtlich wieder finden, da er Wille und Schickſal zu Partnern macht. Übrigens hat Goethe mit dem feinen Vergleich mit L'hombre⸗ und Whiſtſpiel nichts andres ſagen, freilich nichts vorſchreiben wollen.

Das Schickſal iſt bei den Alten allerdings die äußere Beſtimmung, die ſich durch

Orakel und Träume kundgibt, und nach der inneren Beſchaffenheit ihres Opfers nicht fragt. Aber auch die moderne Deutung als Summe der fremden Einflüſſe, ja die eigne Deutung, die Schiller im Wallenſtein gibteine Mauer aus meinen eignen Thaten baut ſich auf, die mir

licht erhalten ſoll(behalte dein Geheimnis). Auch Goethes Wort, im Beginn der Tragödie müſſe der Verſtand, auf der Höhe die Vernunft, ſchließlich das Gefühl befriedigt werden, iſt an einer dieſer großen Tragödien zu prüfen.

¹) Man vergleiche die trockene Bemerkung in der Poetik des Ariſtoteles über den Wert der Frau in der Tragödie und Leſſing, Hamb. Dramat. St. 74:ein gutes Mädchen war zu einer Haupt⸗ rolle im Drama ehedem ſehr ungeſchickt.

¹) solus, a, um, nicht sed!