Aufsatz 
Immanente Parallelbehandlung des Goethe- und Schiller-Stoffes in Oberprima / Ludwig Schaedel
Entstehung
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Die Braut von Meſſina.

lativ verſteht. Sonſt aber iſt die Iphigenie durchaus humaniſtiſch, paganiſch:alle menſchliche Gebrechen ſühnet reine Menſchlichkeit, und nicht der Gottesſohn. Dies gilt für das Thema und den Charakter im ganzen. Daß Iphigenie im übrigen ſo reich an chriſtlichen Einzelzügen iſt wie ihr großer Dichter, bedarf hier nicht des Beweiſes, wohl aber im Unterricht des Hin⸗ weiſes. Das Zweite iſt die gelegentliche Vergleichung mit der(3.) Proſabearbeitung, wobei ſich auch ſehr anlockende, für die Methode des ſelbſtändigen wiſſenſchaftlichen Studierens typiſch belehrende Themata bilden laſſen. Welch poetiſierendes Element der Vers iſt, kann man aus Schillers Vorrede zur Braut und durch ein Nebeneinanderſtellen z. B. des Titanengeſangs mit der proſaiſchen Faſſung bündig erkennen¹). Drittens iſt der Vergleich mit des Euripides Iphigenie bei den Tauriern namentlich nach der Seite hin zu führen, wie ſchablonenhaft dort die Charaktere ſind, auch wieviel ſittlich verfeinert die humaniſierte Griechin Goethes(ſamt Umgebung) gegen die Figur im Rohzuſtand, gleichſam à la tartare bei Euripides, ſich doch ausnimmt.

Eine fruchtbare Betrachtung kann man auch den beiden Höhepunkten des Goetheſchen Dramas widmen: Heilung des Oreſt und Bewährung der Iphigenie. Warum Goethe dieſe beiden Prozeſſe nicht coincidieren läßt, iſt ein reizendes Problem. Hätte es doch ſcheinbar viel näher gelegen, die Heilung des Oreſt durch das Anſchauen der Reinheit Iphigeniens, eben da, wo ſie ſich in der Verführung bewährt, eintreten zu laſſen, während Goethe jetzt eine außerordentliche Mühe aufwendet, um durch die viſionäre Schauung des Oreſt, durch das Gebet der Schweſter und durch des Pylades friſche Handgreiflichkeit die Heilung herbeizuführen. Aber gewiß hat hier der Dramatiker über den Pſychologen gerne den leichten Sieg gewonnen.

Als eine hübſche Repetition für Goethes Leben befand ich das Aufſatzthema:Die vier Männerrollen in der Iphigenie als Entwicklungsſtufen in Goethes eignem Leben. Pylades der friſche, verſatile(ſpatzenmäßige) junge Mann; Oreſt: Genieſturm; Arkas, der treue Diener ſeines Herrn(Weimarer Miniſter); Thoas die königlichen Jahre ſeines Thronens auf dem Parnaß.

Iſt ſtofflich zweifellos im Blick auf die dadurch bewegten Ideenmaſſen die eben beſprochene Combination berechtigt, ſo ſteht nach Seiten der Form die Iphigenie allerdings der Braut näher, und gerade Fäden laſſen ſich dahin ziehen. Zwiſchen Braut und Iphigenie iſt ſchon das poetiſche Motiv der weltfernen Verlaſſenheit und aufgewachſen unter ihrem Stande in der das Schickſal dann die Heldin ſucht, das gleiche; gleich auch, daß ſie beide in einer ſeltenen Weiſe die Liebe von allen Seiten umwirbt, und an beide ihres Hauſes Reinigung ſich knüpft. Übrigens konnte das Thema der Braut von Meſſina ebenwohl im Theben des Kreon gelöſt werden); allein Schiller wäre dann all der maleriſch⸗poetiſchen Vorteile des ritterlichen mittelalterlichen Lebens verluſtig gegangen¹²). Auch wird durch dieſe Zeit und

²) Hierbei iſt auch ein vergleichender Rückblick auf das männliche Gegenſtück:Prometheus und ſeine PalinodieGanymed angebracht.

²) Schillers Stoffe ſind dem Dichter überhaupt fremder als Goethen ſeine: er dichtet einen Demetrius oder eine Jungfrau, eine Maria oder einen Tell,nachdem es fällt. Daher L. v. Rankes merkwürdiges Wort in den Lebenserinnerungen: Schiller ſei objektiv, Goethe ſubjektiv, das doch allem Landläufigen hart entgegentritt. Aber indem Schiller in jeden Stoff die Energie ſeines eignen Willens und ſeine empfindungsſtarke Seele gießt, wird er doch wieder in der fremdeſten Hülle nur das eigne perſönliche Ethos und Pathos verkörpern.

³) Hier zeigt auch Schiller wieder die in den ſpäteren Dramen erreichte Stärke in der Löat, da in den früheren immer nur die déats vorzüglich gelang. An der Braut von Meſſina läßt ſich auch am beſten der Begriff der tragiſchen Analyſis, den er im Brief an Goethe entwickelt, veranſchaulichen, ſowie das tragiſcheBeinahe, vermöge deſſen z. B. jeder der Fürſtenbrüder eben das erfährt, was dem andren die Augen öffnen müßte, und jeder in dem Moment diskret wird, wo er das Offenbarungs⸗