Aufsatz 
Immanente Parallelbehandlung des Goethe- und Schiller-Stoffes in Oberprima / Ludwig Schaedel
Entstehung
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Taſſo das Dichterwerk ſeines Lebens nennen, und ebenſo iſt Wallenſtein die Krone der Schillerſchen Dramen in der Reifezeit, dagegen alle andren zurücktreten. Abgeſehen von Carlos hat Schiller denn auch auf kein Werk größere Mühe verwandt. Der ſpätere Goethe hat ja bekanntlich alle größeren Werke langſam ausgetragen. Es iſt beidemale kein geſuchter, willkürlich gewählter Stoff, kein beliebiger anekdotiſcher Gegenſtand¹), ſondern mitten aus dem Herzpunkt ihrer Intereſſen gegriffen. Trotz Schillers perſönlicher Kälte gegen den großen Con⸗ dottiere iſt die Art ſeines Ankampfs gegen die Wirklichkeit(nicht deſſen Gründe!) echt Schilleriſch, und inſofern iſt auch dieſe Tragödie eine Art Selbſtbekenntnis, wie es Taſſo durchaus iſt. Dabei ſind beide am meiſten frei von dichteriſchen Singularitäten. Das Selbſtmeſſen der Perſönlichkeit am Weltwiderſtand iſt in beiden das Thema; und in kühnem Vorſtreben verlieren beide den feſten Boden der eignen Exiſtenz: durch Fürſtengunſt gegeben, durch Überhebung ver⸗ wirkt. Beide Helden vereinigen am meiſten alle edlen Eigenſchaften, die ihren Dichtern männlich erſcheinen, mit denen ſie ſich ihren Fürſten und Schöpfern gegenüber allein behaupten wollen, trotzdem ſich alles von ihnen wendet. Und beide lehren, daß die Selbſtüberhebung bei edlen Gaben und größter Berechtigung herunterführt und alle werteſten Bande, die dem Frevler bis dahin heilig waren, löſt; aber beide finden auch am Schluß, der den beſſeren Kern heraus⸗ treten läßt, ſelbſt bei ihren Gegnern ihre Würdigung(Schillerſche xädapoic des Helden). Über die Behandlung im einzelnen uns auszuſprechen, iſt nicht unſer Vorſatz. Nur iſt Hettner gegen⸗ über zu betonen, daß Taſſo, wie er vorliegt, jetzt eine Einheit iſt, und auch die Charaktere jetzt durchaus einheitlich ſind. Von einem veränderten Standpunkt des Dichters zu Antonio und Taſſo, anders geſagt, von einer in den zwei erſten Akten gehäſſigen Darſtellung Antonios kann nach der großen Retouche in Italien gar keine Rede ſein. Die Situation iſt ganz die, wie Goethes gegenüber Klinger, ja Lenz bei ihrem Weimarer Beſuch(ſ. Klingers Leben und Briefe von Max Rieger).

Ungleich mehr in die Augen fällt natürlich die Ähnlichkeit bei dem nächſten Dramen⸗Iphigenie und paar: Iphigenie und Jungfrau. Zuvor iſt die Gleichſetzung derBraut mit der Iphigenie Jungfrau. abzuweiſen; in der von uns als gültig erkannten Gleichung handelt es ſich beidemale um die Vertreterin der idealen Weiblichkeit, wie Scherer die Jungfrau genannt was Beatrice nicht iſt, vielmehr mit mehr als minimaler tragiſcher Schuld beladen, zugleich aber um eine prieſterlich prophetiſche Jungfrau, die für ganze Völker zum Heile geſetzt iſt. Beide ſind ſie verſucht, ſiegen ſchließlich in der Verſuchung und bringen ihren Völkern das Heil. Die Ähnlichkeit geht oft bis ins einzelne: das Trutzlied der Iphigenie(Akt IV, Schluß) ſtellt ſich dem Monolog der Jungfrau(IV, 1 vergl. auchKaſſandra von Schiller) in den Gedanken durchaus parallel, und beſonders diejenigen Verſuchungen, die in dem Hinüberſchwanken von der einen Nationalität zur andern, in der Verleugnung des eignen Volkes liegen können, treten hier wie da hervor. In la wird ſelbſtverſtändlich die Jungfrau, die dem Penſum der IIa an⸗ gehört, nur angezogen und geſtreift; Iphigenie dagegen mit Auswahl des Charakteriſtiſchſten ſtatariſch geleſen. Im übrigen Hauslektüre und Durchſprechen derſelben. Das Leſen von Zeile zu Zeile iſt auch hierbei nicht möglich, wenn der Stoff in der Fülle und Mannigfaltigkeit, wie es m. E. geboten iſt, zur Entfaltung kommen ſoll. Für die Behandlung der Iphigenie ſei noch auf ein Dreifaches hingewieſen: die Redensart vom chriſtlichen Charakter der Iphigenie iſt abzuweiſen, es ſei denn, daß man unterchriſtlich irgend einen beliebigen ehrenvollen Super⸗

¹) Wie dieBraut,Johanna,Maria Stuart,Großkophtha ꝛc.Iphigenia,Maria Stuart würden, in Proſa überſetzt, Novellen,Taſſo undWallenſtein Romane werden. Zum Taſſo mache man auf die von Goethe ſo wohlgefällig überſetzten franzöſiſchen Rezenſionen aufmerkſam.