Wallenſtein und Taſſo.
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hat ſeine Zeit wie alle Schematismen, wie die Schulchrié ihre lange Zeit hatte, und dann in ihrer Nichtigkeit erkannt ward, und die diskretionsloſe Anwendung der fünf Formalſtufen oder die Siebenintereſſenreiterei ihre kurze.
Alſo keine dramaturgiſche Anatomie auf Koſten des wirklichen poetiſchen Verſtändniſſes: damit empfehle ich aber nicht die Einführung hohler, geſinnungstüchtiger Phraſen aus der Be⸗ wunderungskategorie, ſondern methodiſche, ſtrenge Betrachtung des äſthetiſch Schönen; z. B. das beſtändige Hinlenken der Aufmerkſamkeit auf die Verfeinerung derſelben pſychologiſchen Motive, auf den wachſenden Bildervorrat, auf die ſpätere Veräſtelung urſprünglich einfach auftretender Strebungen ¹) und vor allem die immer ſchärferen Contouren der Charaktere, ſchließlich auch der nebenſäch⸗ lichſten, wie wir ſie jetzt vollendet bei Ibſen, Sudermann und den meiſten Neueren finden. Man vergleiche in dieſer Beziehung den„Goetz“ und die„Räuber“ mit der„Braut“— ſind ſie nicht um eine ganze Hemiſphäre von einander entfernt? Wird jemand a priori für möglich halten, daß der Dichter der„Claudine“ die„Iphigenie“, der des„Fiesko“ den„Wallen⸗ ſtein“ geſchrieben? Dieſe ungeheuren Abſtände einleuchtend zu machen, und zu erklären, das iſt die eigentliche Aufgabe der deutſchen Stunden in Prima: alſo die Entwicklung unſrer Dichter einigermaßen nachzuverſtehen. Vor allem auch die ſtete con⸗ centrierende Umſchau über das ſonſtige Vorkommen der gleichen dichteriſchen Ideen. Wenn man z. B. erkennt, wie Björnſon das edle Ringen der Minna mit Tellheim im Falliſſement, im Geſpräch von Sannäs und Walburg(am Schluß), moderniſiert, ſo ſetzt einen der gewonnene Wert über den Spott des„großen Nehmers“ Goethe weg, daß man ihm das Beefſteak nicht nachweiſen könne, davon dieſer oder jener Muskel im eigenen Körper ſtamme.—
Schiller hat durch ſeine hiſtoriſchen Studien ſo ſtarke Eindrücke von der Welt des geſchichtlichen Werdens empfangen, daß ſeine ſpäteren Dramen ausnahmslos, im Unterſchied von„Räuber“,„Cabale“,„Menſchenfeind“, hiſtoriſche Stoffe behandeln. Kein Wunder, daß nach ſeinem„dreißigjährigen Krieg“ und bei Guſtav Adolfs durchaus undramatiſchem Ausgang eine ſo problematiſche Figur wie Wallenſtein ihn reizte, die tragiſche Antinomie von Schickſal und Freiheit, die Fr. Schlegel die Pole des Dramas nennt, zu ergründen. Allerdings ſpricht ſich Schiller von jeder perſönlichen Sympathie mit ſeinem diesmaligen Helden frei, während das dramatiſche Gegenſtück zum Wallenſtein, Goethes Taſſo, ſeinem Dichter ein doppeltes perſön⸗ ſönliches Intereſſe abgewinnen mußte, Taſſo, der einmal doch, in der vorweimariſchen und erſten weimariſchen Zeit Goethe ſelbſt war, und deſſen Gegenſpieler Antonio dann wiederum der gereifte Goethe iſt. Denn trotz Hettner, in deſſen Gefolge man Schlegel und si parva licet componere magnis, Johannes Scherr erblickt, iſt Goethe ſo gewiß auf Antonios Seite, als er bei Betrachtung des Wallenſtein von den Schuften ſpricht, die den Octavio verkleinern mögen.— Es iſt kein Zweifel, daß am füglichſten„Wallenſtein“ mit„Taſſo“, die„Iphigenie“ mit der„Jungfrau“, der„Fauſt“ mit dem„Tell“ contraſtiert werden. Das erſte Dramenpaar ſchildert den Mann, das zweite die Frau in ihrer Größe, das dritte den Menſchen für den Menſchen, die ſchwere Bekehrung zur ſoziologiſchen Idee, wenn man ſo ſagen darf.
Wallenſtein und Taſſo ſind, alles in allem, die dramatiſchen Hauptwerke ihrer Schöpfer. Bei Goethe kann man neben„Fauſt“, der weniger Drama als Univerſalbuch iſt, nur den
¹) Man vergl. dasſelbe Problem der ſich als Nebenbuhler haſſenden Brüder in der Rohform der„Räuber“, und dann in der„Braut“. Derartige Deckungen nachzuweiſen, die Seelenwanderung der Ideen, ſozuſagen, iſt von großem Wert für den Unterricht; wenn z. B. in Fauſt II der Gegenſatz von Philemon und Baucis zu Fauſt ſelbſt zuſammenfällt mit dem jugendlich ausgeſprochenen in„Adler und Taube“, ſo iſt damit ein durchgehendes Lebensproblem Goethes umſchrieben.


