Aufsatz 
Immanente Parallelbehandlung des Goethe- und Schiller-Stoffes in Oberprima / Ludwig Schaedel
Entstehung
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ſophiſchen Propädeutik¹) in ſich aufnehmen muß, deſtomehr muß er es zu vermeiden ſuchen, unſre großen Denker und Dichter, die die gehaltreichſte geiſtige Nahrung bieten ſollen, ſo glatt nebeneinanderher raiſonnieren zu laſſen, wie es z. B. Goethe in ſeiner Abhandlung Laokoon undSammler und die Seinigen neben Leſſings Laokoon), oder wie er es in derNach⸗ leſe zu des Ariſtoteles Poetik neben der Dramaturgie und ihrer beſſeren überſetzung der ent⸗ ſcheidenden Ariſtotelesſtelle thut, oder auch wie es Schiller in den erwähnten Abhandlungen neben der Hamb. Dramaturgie ſich verſtattet, die ihn doch ſo weſentlich, und bis in den wört⸗ lichen Ausdruck hinein beſtimmts). Da muß der Unterricht, und namentlich der Aufſatz muß die Gegenſätze feſtſtellen, ehrlich bereinigen, und die oberhalb erreichten Stufen der Entwicklung markieren: was neben einander liegt in einen einheitlichen Fluß verbinden, ſelbſtverſtändlich ohne künſtliche Harmoniſtik.

So für die Abhandlungen! Bei den Dichtungen dagegen hüte man ſich wohl, durch zuviel Theorie den poetiſchen Genuß der poetiſchen Werke zu verderben, und ſie in Paradig⸗ men zur äſthetiſchen Theorie aufgehen zu laſſen. Gewiß war jene Idee, die Raumer in der Geſchichte der Pädagogik ohne hinreichendes Grauſen vorträgt, verfehlt, man ſolle die Drameu ohne jede Erläuterung leſen; ſie war höchſt einſeitig und entſpricht dem geweckteren wiſſenſchaftlichen Bedürfnis unſrer Jugend nicht. Allein man kann auch durch ſchablonenhafte Anwendung der Freytagſchen Terminologie(z. B. auf denGoetz, denCarlos), von der ja unſre Tragiker ſelbſt keine Ahnung haben konnten, das Gefühl für die eigenartige Schönheit der einzelnen Dichtungen verwiſchen und verwaſchen, anſtatt es zu vertiefen. Bei Schuldramen, wieEmilia Galotti, die eben Paradigma ſein ſoll, iſt das ein Anderes). Gleich ſo bei Wallenſtein, den die Betrachtung nun zunächſt erreicht, werden die Freytagſchen Schnittpunkte ja an ganz andre Stellen zu liegen kommen, je nachdem man das Gedicht als Ganzes nimmt, wie Schiller doch urſprünglich gewollt, oder es teilt, wie das Bühnenbedürfnis es erzwang. Und die Ausdrücke: erregendes Moment, Höhepunkt, Umſchwung, Retardation verhüllen eigentlich nur ſelbſtver⸗ ſtändliche Trivialitäten, inſofern jeder Handlung(nicht nur der Bühnenhandlung) Anfang, Höhepunkt und Ende zukommt. Iſt ſie dramatiſch geſtaltet, ſo kann ihr eine Vorgeſchichte auch nicht fehlen; iſt ſie tragiſch, eine Kataſtrophe; und ſelbſt ein Moment der letzten Spannung wird ſich überall ohne Lupe entdecken laſſen. Es aber feſtzunageln, kann den Genuß in keiner Weiſe erhöhen. Iſt es kein Verdienſt, dieſe Punkte zu finden(oft findet ſie jeder gar an andrer Stelle), ſo iſt es kein Schaden, ſie zu verſchweigen; aber einen Gegenſtand intenſiven Schul⸗ betriebs mit Abfragen, Herſagen und graphiſcher Darſtellung daraus zu machen, ſcheint mir recht verfehlt. Jedenfalls ward darin eine Zeitlang des(Minder⸗) Guten zuviel gethan. Das

Stelle aus einem Brief Schillers: der Dichter ſolle ſich auf eine öffentliche und ehrliche Art von der Wirklichkeit entfernen, und ſoll daran erinnern, daß er's thut, eine Pille, die unſer jetziger Realismus nur mit dem Erfolge des Drachen von Babel verſchlucken könnte. 1)) Mein hochverehrter Freund Dr. A. Baumeiſter hat ſich über deren Unentbehrlichkeit ſoeben

geäußert in der Beil. der Allg. Zeitg. v. 13. Febr. 1901.

²) Hierzu vergl. auch die intereſſante Deutung der Gruppe in der Abhandlungüber das Pathetiſche.

³) Danach iſt Koberſteins Irrtum, Littg. IV, 509, 11. zu verbeſſern.

) Ich habe früher gegen Franz Kern nachgewieſen, daß ſie ein echtes Schuldrama iſt, wenn man ſie recht verſteht; wenn man die tragiſche Schuld nicht in der von Goethe und Claudius ſupponierten heimlichen Liebe zum Prinzen ſucht, ſondern in dem Gram über den von ihr verſchuldeten Tod Appianis(und warum er tot iſt,); ſowie daß die Fiktion von ihrer Verführbarkeit(Akt V) für den Vater erſonnen iſt, echt Leſſingiſch(wie im Philotas), um in den Beſitz der Waffe zu kommen. Die Reinheit ihrer Seele hat keinen ſtärkeren Anwalt als ihren Dichter in ſeinen Briefen.

Drama⸗ turgiſches d