Schillerſche Abhand⸗ lungen.
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Hinter die Xenien wird am beſten die Betrachtung der Schillerſchen dramatiſchen Ab⸗ handlungen geſtellt. Ihr Fortſchritt über Leſſings engere Regeln und rein ariſtoteliſch⸗dog⸗ matiſchen Standpunkt hinaus, von dem er doch nicht einmal Shakeſpeares Richard III. zu begreifen verſucht, wenn er Weiße's Richard verdammtt, iſt das hauptſächliche Beweisziel. Aber auch für das umgekehrte, induktive Lehrverfahren(die Stücke zuerſt, dann die Theorie) ließen ſich begünſtigende Momente anführen, wenn die Frage ſich nicht dadurch löſte, daß Tell, Jung⸗ frau, Maria in O II geleſen ſein müſſen. Es ſind die Abhandlungen„über den Grund unſres Vergnügens“ ꝛc.,„über die tragiſche Kunſt“ und„über das Erhabene“, bei allen kleineren Abweichungen im einzelnen, in der Art, als Ganzes, zu behandeln, daß nach einer kurzen Zweckangabe die den Gedanken tragenden Sätze herausgehoben und zu einem Ganzen verbunden werden, namentlich bei der unentbehrlichen, und doch ſo weitſchweifigen Abhandlung über das„Naive¹)“. Dies Verfahren hat den Vorteil, die Epiſoden auszuſcheiden, während bei einer ſtatariſchen Leſung und Durchnahme, wie ich ſie früher verſuchte, dieſe Abhandlungen allein mehrere Monate verſchlingen. Die 3 erſten Abhandlungen gipfeln in der Lehre von der tragiſchen Inoculation(unendlich vertieft gegen die alte Dacier'ſche, Leſſ. Laok. Stück 78) einer unter dem mediziniſchen Geſichtspunkt ſchöpferiſch⸗prophetiſchen und heute ſo fruchtbaren Idee. Schon oben ward geſagt, wie hoch ſich mit der Idee des Erhabenen, des lautern Ver⸗ zichts auf das Selbſt, dieſe Betrachtungen erheben über die rein äſthetiſche Weltanſchauung, der Schiller in den„Künſtlern“ huldigte. Er bekämpft ſie als unzureichend in der Schrift vom„Erhabenen“, und dieſe geben wir dem vom Gymnaſium ſcheidenden Schüler mit, wie der Prediger ſeinen Konfirmanden die Bibel ins Leben mitgibt: es iſt das höchſte Wort von Schillers ſittlichem Enthuſiasmus ¹). Sie bildet alsdann die förderlichſte Einleitung zum„Wallen⸗ ſtein“ und zur„Braut“, ſowie die Hamburg. Dramaturgie in Emilia Galotti ihre vollkommene Exemplifikation findet. Gerade Leſſing gegenüber wird dann von der Höhe dieſer Schillerſchen Abhandlungen gezeigt, wie ſeine Dichotomie der tragiſchen Affekte zur Einheit der tragiſchen Rührung zuſammengeht(wofür übrigens bei Leſſing vorbereitende Gedanken nicht fehlen), und es iſt zu betonen, daß ſich bei Schiller zwar nicht theoretiſch, aber de facto eine Katharſis des Helden in den Reifetragödien nachweiſen läßt.„So ungefähr ſagt es denn Goethe auch“ in der Nachleſe zu Ariſtoteles Poetik. Endlich iſt hervorzuheben, daß Schiller die tragiſche Kunſt in dieſen Abhandlungen zu einer Lebensnotwendigkeit erhub, für die ſich bei Leſſing entfernt keine Vorahnung findet, und wie ſie ſeit der Zeit der Panathenäen und Dionyſien in Athen nicht mehr ſtatuiert war.
Man wird von andern Abhandlungen abſehen können und müſſen, und nur gelegentliche Streifzüge unternehmen: bei der Lektüre der„Künſtler“ in die„äſthetiſchen Briefe“, beim Carlos in die Briefe über dieſes Drama, bei der„Braut“ in die Vorrede über den Chor— und dieſer iſt freilich unerläßlich— mit ſeinen höchſt wichtigen Anſichten über die Idealität der Dichtung²). Jemehr der deutſche Unterricht in Prima auch die Aufgaben der früheren philo⸗
¹) Dagegen bildet Schillers Verſuch, die vollkommenen Böſewichter tragiſch zu begreifen(am Schluß der Abhandlung„über den Grund“) entſchieden eine Entgleiſung ſeines ſittlichen Rigorismus; es mochte ihn gereizt haben, mit rabbuliſtiſchem Scharfſinn zu leiſten, woran Leſſing offenbar verzagte, wenn er nach ſo ſonorem Anfang nicht vermochte, Richard III. bei Shakeſpere zu commentieren. Die kanoniſche Erklärung im 89. St. der Hamb. Dramat. über das Kad6oo, die den Ibſen'ſchen, einartigen Typen„ihr Recht erteilt“, um mit Leſſing zu reden, d. h. ihr Unrecht, iſt nicht geeignet, einen Richard dramaturgiſch zu rechtfertigen. Dieſe kleine Partie, iſt aber ſo reizend geſchrieben, daß man ſchon, weil
6 L 8 eNacs(gleichwie in Thukyd. I, 126), ſie nicht ungeleſen laſſen darf.
²) Dazu vergl. man auch, abgeſehen von dem Schluß des Prologs zum„Wallenſtein“, jene


