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punkt, den Schiller in den Dramen der Reifezeit und vor allem im„Erhabenen“ erreicht, wieder über dieſen bloß äſthetiſchen ſich erhebt. Der Unterricht hat damit die Jugendperiode beider Dichter durchmeſſen. Die Lage Goethes vor dem Übergang nach Weimar tritt uns aus Goethes Briefen (zumal an Lavater, wo z. B. das ganze Gedicht„Seefahrt“ in Proſa vorliegt) natürlich echter entgegen als aus Wahrheit und Dichtung. Die rückſchauende Elegie„Ilmenau“¹), ohnehin von großem poetiſchen Wert, wird die beſte Einleitung zum Weimarer Leben bilden, wie eine Schilderung der Schätze des Weimarer Goethehauſes, wenn der Lehrer friſch von da kommt, eine vorzügliche warme Rekapitulation ſeines ganzen Lebens und Strebens ermöglicht. Reich⸗ liche Mitteilungen aus den Briefen an Frau v. Stein werden dienen, Goethes Weſen in der Weimarer Frühzeit zu veranſchaulichen. In ſeiner dortigen Vielgeſchäftigkeit(Goethe als Kriegs⸗ miniſter,„Grenzboten“ 1897), in der unwürdigen Gelegenheitsdichtung²), die ihm die Weimarer Omphale— ich meine natürlich nicht Charlotte v. Stein, ſondern den Hof als Ganzes— auferlegte, liegt der Grund für die après tout doch unleugbare, nicht nur für Prof. Weitbrecht erkennbare dichteriſche Erſchlaffung. Von den damaligen Dichtungen beſonders die lyriſchen (an Frau v. Stein!) und als letzte Abrechnung mit der Geniezeit Wertherſcher Obſervanz der „Triumph der Empfindſamkeit“, eine der genialſten Parodien überhaupt.
Nicht die italieniſche Reiſe, wie eine weitverbreitete Fabel geht, ſondern erſt die Die Seit der Berührung mit dem kraftvollen Schiller hat in Goethe eine neue Dichterkraft entzündet. Denn Gemeinſchaft; was an Egmont, Taſſo, Iphigenie neu wurde, war doch nur Redaktionsarbeit, im höchſten Xemien. Sinne freilich. Der Vergleich der 3. Bearbeitung der Iphigenie mit der vierten liefert den vollſten Beweis dafür, daß Goethe Italiens Natur und Kunſtwelt den antiken Geiſt keineswegs erſt verdankte, und ſelbſt K. Ph. Moritzens metriſche und proſodiſche Verdienſte um ihn ſind, angeſichts ſeines früheren Könnens, nicht größer als Ramlers um Leſſing. Daß aber Goethe und Schiller ſich endlich gefunden, nach ſo mancher Abſtoßung bei ſo völlig entgegengeſetzten Charakteren, iſt eine providentielle Fügung, die für Deutſchland die ſchönſte Frucht ſchuf. Zu⸗ nächſt einigen ſie ſich charakteriſtiſcher Weiſe im gemeinſamen Haß gegen das Triviale—(denn das ſchöne Geſchäftsunternehmen der Horen mit ſeinem Ringen um die Bogenzahl konnte doch keine neue dichteriſche Offenbarung ſein), und die enien gehen ins Land der Philiſter. Aus denſelben wird in der Schule vorwiegend der Schillerſche Beſtand geleſen, wie denn er großen⸗ teils hier und im Briefwechſel mit Goethe die geiſtigen Unkoſten trug; aus Goethes Jahres⸗ zeiten nur der„Winter“. Daß Lotte Schillers Verſuch, die Xenien auf die Eigentümer zu ſondern, mißglücken mußte, wird klar, wenn man aus Schillerſchen Ausſprüchen jener Zeit vernimmt, wie ſehr einer(gerade im Beginn der Freundſchaft) die ſtiliſtiſchen Eigentümlichkeiten des andern angenommen hat. Wenn z. B. Schiller über W. v. Humbolds Aufnahme der Xenien ſchreibt:„da iſt doch wieder eine neue Natur, die ſich dieſen Stoff aſſimilieren kann“, ſo iſt jedes Wort ein Goetheſcher Lieblingsausdruck. Läßt man den Kenien die poſitive Leiſtung der Balladendichtung folgen, ſo iſt an Vieles aus früheren Gymnaſialklaſſen nur zu erinnern. Das Meiſte iſt Hauslektüre, jedoch bedarf„Harzreiſe“,„Paria“ der Beſprechung in der Schule. Die„Ballade vom gefangenen Grafen“ kann— ehe man Goethes Commentar verrät— zu einer Übertragung in Proſa, einem Klaſſenaufſatz Stoff geben, wie ich es gethan habe.
¹) Angeregte Schüler konnten ſpäter, beim Fauſt, recht wohl die Ilmenau⸗Töne im„Prolog“: „ihn treibt die Gärung in die Ferne“ ꝛc. wiedererkennen. Poetiſche Autoſuggeſtion, bei Goethe häufig.
²) Wenn etwas Zeit für Goethes Theatertreiben bleibt, wäre das Beſte aus„Euphroſyne“ und aus„Miedings Tod“ zu leſen.


