Aufsatz 
Immanente Parallelbehandlung des Goethe- und Schiller-Stoffes in Oberprima / Ludwig Schaedel
Entstehung
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Verhältnis zum Stoff(das rein empfangende und das wählende Verfahren) kurz voraus zu charakteriſieren, und darauf zu fußen, ſo ſehr Schiller mit ſeiner wahren Bemerkung, keine Dichtung zeige ſich unvermiſcht zu einer Klaſſe gehörig, der entdeckten Wahrheit ſelbſt Abtrag thut. Sodann iſt natürlich auch auszugehen von Schillers Kritik des Egmont, worin ſich bei allem Geiſt und bei aller Üüberlegenheit des Dramatikers Schiller doch die vollkommene Un⸗ fähigkeit verrät, einen der Willensnatur und moraliſchen Herbheit des Dichters ſo ganz in⸗ commenſurablen Charakter zu verſtehen. Denn die Größe des Egmont ruht ja eben darin, daß er ſich ſeine unbefangne Lebensfreude nicht brechen läßt, ſeinen Schritt nicht nach der ſpaniſchen Cadenz modelt. Es thut nichts zur Sache, ob ein Winkelried ſich als Freiheitsvorkämpfer in einen ſtarrenden Speerwald wirft, oder ob Egmont ſeine behagliche Daſeinsfreude ſich durch Tyrannengewalt nicht nehmen läßt.

In Carlos ſtehen überall die Ideen voran), vor allem jetzt endlich ein poſitives Ideal: Freiheit zur Menſchenbeglückung, während die von Goethe ſo oft faſt komiſch aus⸗ gedrückte Apprehenſion gegen die dichteriſchen Leitideen im Egmont durchaus(bis zur Ver⸗ dunkelung ſeines tiefen Gehalts) deutlich iſt. Der Carlos iſt vor allem auch ein Brevier der dichteriſchen Sprache. Hier ſteht Richard Wagners Urteil dem Hermann Grimms gegenüber: Grimm irrt, wenn er meint, aus Taſſo habe Schiller Jamben, machen gelernt, und man muß vielmehr den Glanz der Schillerſchen Quinare und ihre faſt durchgängige Reinheit, mit Wagner, ſchon in Carlos aufs höchſte bewundern. Für die Geſtalt des Poſa kann man an das Ver⸗ hältnis des Marquis Wielopolski zum Zaren erinnern und die Einleitung gemahnt ganz an ein berühmtes Geſpräch des Miniſters Turgot mit einem Malteſerritter, das Schillern vor⸗ geſchwebt haben wird. Wie Schiller hier das konſtitutionelle Königtum, freilich in äußerſter Verdünnung(Die Menſchheit zweifle, ob er ſei) über ſeinem früheren republikaniſchen Ideal erreicht hat, das iſt auch für den Geſchichtsunterricht dieſer Stufe von Belang.

Carlos und dieKünſtler ſind die größten poetiſchen Leiſtungen aus Schillers Übergangsperiode. Sie bezeichnen zugleich die Herrſchaft der äſthetiſchen Maxime. Wenn er ſich auch der leitenden Grundideen vielfach erſt ſpäter, im Studium der Kantiſchen, im Gegenſatz zur Fichteſchen Philoſophie bewußt wurde, ſo ſind dieKünſtler unſtreitig doch das Glaubens⸗ bekenntnis der abſoluten Äſthetik. Daher bedürfen ſie eingehender Behandlung in der Schule. Sagen, ſie ſeien für das Verſtändnis zu ſchwer, hieße überhaupt die Lehre Schillers für die Schule abrogieren. Schwer iſt daran nur die Vermittelung mit der Wirklichkeit; denn philo⸗ ſophiſche Conſtruktionen dieſer Art vertragen ſich freilich übel mit einer empiriſch⸗hiſtoriſchen Geſchichtsentwicklung. Aber was Schiller kühn behaupten wollte, iſt klar, auch ohne den Com⸗ mentar in den Briefen(9. 10. Br.) überDie äſthetiſche Erziehung. Viel kann auch, trotz Schillers eignem ſpäteren Verzweifeln daran, eine eindringende Dispoſition thun, an deren Faden ſich mit Erfolg, nach öfterer Erfahrung, eine Analyſe derKünſtler als Aufſatzthema ſtellen läßt. Ich disponiere:(Strophe, Abſatz) 14. Einleitung, Überſicht. 58 mytho⸗ logiſcher Beweis; 913 äſthetiſcher; 1423 philoſophiſcher; 2427 hiſtoriſcher Beweis; 28 31(religiöſer) Schluß.

Der Standpunkt der Künſtler ſteht ebenſo hoch über Leſſings moraliſtiſchem, den die Schüler in Unterprima kennen lernten:beſſern ſoll alle Poeſie, als der altruiſtiſche Höhe⸗

¹) Im Carlos iſt alles durch die tendenziöſe Idee des Dichters filtriert, auch die Handlung, nicht nur die verkündeten Anſichten. Und gar die Charaktere! Im Egmont gravitiert die Handlung nicht nach dem Fürſtenhof, ſondern nach der Straße.