Aufsatz 
Immanente Parallelbehandlung des Goethe- und Schiller-Stoffes in Oberprima / Ludwig Schaedel
Entstehung
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Es iſt vorhin bemerkt worden, daß während Schiller von denRäubern aus in Fiesko undCabale ſozuſagen in gerader Linie fortſtürmt, Goethe ſchon imWerther den Schritt zurückſetzt. Die Zermalmung des Genies durch die Wirklichkeit iſt ein Eingeſtändnis der Unüberwindlichkeit ihrer Schranken. Dennoch iſt der Kunſtfortſchritt in den 3 Jugenddramen ganz unverkennbar¹). Sind die Räuber ſtrenger gebaut, ſo iſt die Intrigue dafür im Fiesko weniger ungeſchickt; die weiblichen Charaktere ſind ſchon natürlicher und für eine erhebliche Menge geiſtreicher Lichter ſtatt ſtürmiſcher Emphaſe iſt ausreichend geſorgt. DaßCabale und Liebe einen großen künſtleriſchen Fortſchritt des Dramatikers bedeutet, iſt nicht erſt nötig zu beweiſen. Abgeſehn von der abermaligen Unwohrſcheinlichkeit der Intrigue mit den Briefen hat Schiller einmal kein Glück von denRäubern bis zumCarlos iſt das Stück viel klarer und feſter gebaut. Es ſteht in der geſchickteren dramatiſchen Technik neben denRäubern wie GoethesClavigo neben demGoetz. Aber auch das Thema iſt das gleiche: der Kampf der Liebe gegen die trennende Schranke der Stände. überdies ſind beide Stücke ausgeſprochene Intrigueuſtücke. Clavigo wird übrigens von mir nur als Privatlektüre gegeben und vergleichend herangezogen.

WieFiesko manchen vergleichenden Rückblick auf dieRäuber erlaubte, ſo werden, vordeutend, auch beiFiesko undEgmont ſich bedeutende Parallelen ziehen laſſen. Beide ſind in eine Republik verſetzt, wo der Perſönlichkeit ohnehin mehr Spielraum bleibt; beide können keinen Zwang von oben ertragen und werden zu Demagogen mit allen verführeriſchen Mitteln der Demagogie(ſchön, leutſelig, facund und ſchillernd, wie Brutus): Kriegsruhm, Frauenliebe, Volksbeliebtheit. Und zwar iſt Fiesko überall aktiv; Egmont, paſſiv, durch ſeine bloße Exiſtenz wirkend, hat doch etwas vom ſpaniſchen sosiego, das dem niederländiſchen Phlegma verwandt iſt. Beider Gedanken oscillieren zwiſchen zwei Liebſchaften: einer politiſchen und einer leiden⸗ ſchaftlichen. Der eine aber hat den wahren, ſatten, ſelbſtbewußten Ehrgeiz, der andre, Fiesko, den freſſenden: jener iſt ſtolz, dieſer eitel. Egmont kämpft für den Umſturz von unten, Fiesko gegen den von oben, den der Dorias. Der niederländiſche Heros iſt feſt in ſcheinbarem Schwanken, der Genueſe iſt ſchwankend in ſeiner Feſtigkeit. Die Schillerſche Dichtung iſt voller phantaſtiſch⸗romantiſcher Momente, Egmont ſo niederländiſch⸗realiſtiſch, daß das Phantaſtiſche opernhaft aus dem Rahmen der Dichtung herausſchreitet(Clärchenviſion; Brackenburg und die unglückliche EpiſodeFerdinand). Beide Freiheitshelden ſind im Grunde doch ſelbſtherrliche Egoiſten, Egmont ſogar auch gegen ſeine Cläre).

In der Grundlage der Frankfurter Schlußzeit angehörig, eignet ſich Egmont auch durch ſeinen Stoff zur Confrontierung mit Schillers Carlos, der auch erſt der zweiten, der übergangsperiode angehört. Beide Werke prägen die Eigenart ihrer Verfaſſer durchaus ſchon in der Art aus, wie ſie Schiller ſpäter in ſeiner großen Abrechnung hervorgekehrt hat: embryoniſch und noch ungeklärt im Brief an Goethe vom 23. Aug. 1794, geläutert inNaive. Daher ſind die Hauptzüge der naiven, wie der ſentimentaliſchen Dichtungsart das verſchiedne

¹) Die Themata der 3 Stücke lauten in abſtrakter Form etwa: I. wer Freiheit in der Un⸗ gebundenheit des Individuums ſucht, kommt dabei um; II. wer die politiſche Freiheit für egoiſtiſche Zwecke ausnützt, verderbt ſich und alle; III. wer die Freiheit als Unabhängigkeit von den Laſtern einer verderbten Geſellſchaft begreift, rettet ſich wenigſtens den ideellen Sieg.

²) Es iſt ein brauchbares Aufſatzthema, zu ſehen, wie die drei Dämonen Fieskos: Eitelkeit, Ehrgeiz und Stolz auf ſein Handeln einwirken. Auch, ob ſein Handeln widerſpruchslos iſt. In der Mannheimer Theaterbearbeitung findet ſich doch der Vorteil, daß die Zuhörer bei dem plaudite amici ganz unzweideutig wiſſen, wem ihr Klatſchen gelten ſoll, und nicht die Freiheit mit der Sympathie für den Mörder der Freiheit gleichſtark um den Beifall wirbt..