Aufsatz 
Immanente Parallelbehandlung des Goethe- und Schiller-Stoffes in Oberprima / Ludwig Schaedel
Entstehung
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Jugendleben

beider Dichter.

Jugend⸗ gedichte.

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geſchult ſein, um das Thema unter folgenden Geſichtspunkten behandeln zu können, zunächſt die formelle Vergleichung von Sprachform und Bildern(Goethes kühnſte und reichſte Schöpfung). Schillers Dichtung würde auch als Rede in Proſa wenig verlieren, was würde aber aus Goethes Gedichte, wenn man den Glanz der Bilder, das Schöpferiſche der Sprache, dieſe ſprunghaften übergänge auf das Maß der Proſa ſetzte, in übler Anwendung von Horat. sat. I, 4, 39 62. Sachlich überwiegt bei Schiller der philoſophiſche¹) Gedanke(Fortleben), ſowie die Entfaltung der Mutterklage neben dem ſchließlichen Muttertroſt, während Goethe eine poetiſche Situation voll Reiz und Leben bietet. Daher der Geſamtunterſchied von Rhetoriſch⸗Sentimental und Anſchaulich⸗Objektiv(vgl. SchillersNaive und ſentimentale ꝛe.).

Übrigens muß vorausgeſagt werden, daß der dichteriſche Formtrieb beider hier ſozuſagen in conträrer, invertierter Form erſcheint, dies alſo zur Charakteriſtik wohl der dichteriſchen Geſamtanlage, keineswegs aber des organiſierenden Formentriebs dienen kann. Denn beide Dich⸗ tungen laſſen für Goethe dramatiſche, für Schiller vorwiegend lyriſche Schöpfungen erwarten, wovon doch das Gegenteil ſtattfindet, ſo ſehr auch Schiller im Drama gelegentlich ins Lyriſche abirrt?). Ein andermal ließe ſich die Braut von Corinth(deren Stoff übrigens aus dem Philoſtratus, im Leben des Tyanenſers Apollonius ſtammt) mit den Göttern Griechenlands paralleliſieren, doch iſt der Vergleich zweifellos ſchwieriger. Wie aber der ernſte, ſchwerkörnige Schiller Goethes geiſtreich leichte Behandlung eben desſelben Themas das auch Turgenieff in ſeinen Gedichten in Proſa gewagt hat anſah, zeigt die Briefſtelle an Körner:Die Braut ſei nur ein Spaß. Eine ungleich gehaltvollere Gegenüberſtellung gewährenPilgrim und Schatzgräber, ſie kann aber erſt am Schluſſe der Jahresarbeit eintreten, denn ſie ſetzt die volle Erkenntnis des Gegenſatzes von Goethes weltlich⸗empiriſcher und Schillers transcendental⸗ idealiſtiſcher Denkweiſe voraus³), von induktivem und deduktivem Verfahren.

Der Einleitungsaufſatz wird ſo dazu beitragen, daß die fernere Behandlung mit gewaſcheneren Augen von ſtatten geht. Sie wendet ſich zuerſt der vergleichenden Betrachtung des früheſten Lebensabſchnittes beider Dichter zu, deſſen Grenze für Goethe der 7. Nov. 1775, für Schiller Oſtern 1785 iſt: bis dahin bleibt der chronologiſche Abſtand von beider Lebensgang noch gleich: beide ſtehen im 26. Jahre, beide am Abſchluß der Geniezeit.(Der AusdruckSturm und Drang kommt charakteriſtiſcher Weiſe bei Bürger zuerſt vor.) Beide Familien erſt jüngſt aus der unteren Volksſchicht emporgetaucht. Beider Väter Bildungsſchwärmer. Goethe trotz ſeines Reichtums heimatfeſt und in großer Abgeſchloſſenheit erwachſend(Erlebnis eines Knaben), während Schiller ſchon in früher Jugend ſozuſagen Nomade iſt. Jener dagegen auf der Univerſität in größter Ungebundenheit, im reichſten Lebensſchwall, Schiller faſt klöſterlich, nur von Büchern genährt. Daher Armut des Geſichtskreiſes bei Schiller, Buntheit bei Goethe. Aber Goethe bis zur Straßburger Zeit weſentlich von unebenbürtigen Geiſtern umgeben, Schiller von ſeiner würdigen Genoſſen auf der Carlsſchule. Perſönlich Schiller nur von dieſen, Goethe auch von älteren Freunden beeinflußt. Gleichheit der einwirkenden litterariſchen Bildungs⸗ momente, vor allem der Dichter(Klopſtock, Rouſſeau). Zunächſt wird Goethes Leben bis zur

¹) Rührend offen geſteht ja Schiller, auch ſonſtübereile ihn der Poet, wo er philoſophieren ſollte, und der philoſophiſche Geiſt, wo er dichten wolle.

²) Gleichwie Goethes dramatiſches Genie ſich am meiſten in lyriſchen Produktionen zeigt: Oden an Behriſch, freie Hymnen der Frankfurter Periode.

³) So habe ich dies Thema einmal, in Anlehnung an ein franzöſiſchesz Urteil:Gottfried Keller(Goethe) est un voyageur, C. F. Meyer(Schiller) un pelerin als Abituriententhemalmit ſehr erfreulichem Erfolge geſtellt.