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Straßburger Zeit(excluſ.) dargeſtellt und aus dem Leipziger Liederbuch einiges zu Hauſe geleſen. Die anakreontiſche Richtung, flotte Form, Wielandſche Stoffwahl und Geſinnung zeigen, daß er im deutſchen Leipzig franzöſiſch lebte und dichtete— Hermann Grimm will ſich nicht wundern, wenn ſich das franzöſiſche Muſter zu jedem Liede finden ſollte— während er im franzöſiſchen Straßburg ſein Deutſchtum fand. Einige vortreffliche Stellen zeigen immerhin ex ungue leonem(„und die Birken ſtreun mit Neigen Dir den ſüßten Weihrauch auf“*) ¹). Die verfänglichſten Lieder ſind zugleich hier die poetiſch ſchwächeren, und es iſt geraten, nur bei den trefflichen Oden an Behriſch zu verweilen, die uns zeigen, wie durch die Klodiusſche Manier überall wahre Dichtertöne hervorbrechen. Höchſt bedeutſam auch die Briefe an Fried. Oeſer. Dagegen kann man das viele Leben, das ſeit Jul. Schmidt in den Litteraturgeſchichten von den„Mitſchuldigen“ gemacht zu werden pflegt, auf ſich beruhen laſſen; nicht nur wegen des geringwertigen Stoffes und der ſchablonenhaften, nicht völlig durchgezeichneten Charaktere. Üüberdies komiſche Discrepanz von Inhalt und metriſcher Form.
Die zweite größere Gruppe Goetheſcher Jugendgedichte, die zu näherer Betrachtung einlädt, ſind die Friederikenlieder, über denen der Sonnenglanz jener einzigen Frühlingszeit ebenſo herzerquickend ausgebreitet liegt, wie die düſtre Herbſtſtimmung über den letzten Scheide⸗ liedern.(Zu„Willkomm und Abſchied“ überſehe man Alfred Bieſes Bemerkungen nicht.) Hier iſt der Urſprung der modernen deutſchen Lyrik bis zu Otto Reuter herab—: Walther v. d. Vogelweide und die beſſeren ſeiner Zeitgenoſſen ſind endlich wieder eingeholt. Faſt jedes Wort iſt biographiſch belegbar, und doch von allgemeinſter Anwendung. Dann folgt eine Charakteriſtik der letzten Frankfurter Zeit, die uns vor allem die Briefe an Guſtchen, an Lavater und Keſtner erſchließen. Bei den Gedichten iſt es bildend, die Urform(Hirzel⸗Bernays) neben die ſpätere zu halten, die meiſt nicht die beſſere iſt(z. B. bei„Seefahrt“,„Wanderer“ mit ſeinem kraftvoll hoffenden Optimismus,„Felsweihegeſang“, Gedichte, die ohnehin genauer behandelt werden müſſen). Die geſamte Betrachtung der Goetheſchen Dichtung bis 1775 ließ ich münden in einen Aufſatz über die„Polytropie der Goetheſchen Jugendlyrik“; denn man beſehe den Abſtand in Dichtungsform und Stimmung zwiſchen den Behriſchoden, Wanderers Sturmlied und„Elyſium“ oder„an Lida“, mit ihrer rührſeligen Sentimentalität! Und dann wieder die lieblichen Lililieder.(„Park“ nicht vergeſſen!) Für die Form Schillers, dies Stürmiſche, Rhetoriſche, Heiße findet ſich bei Goethe kaum eine Analogie als in den Oden an Beriſch, im Sturmlied; aber welche ruhige, labende Wärme dafür in der Goetheſchen Lyrik!²)
Natürlich werden dieſe Gedichte ſtets bei dem entſprechenden Lebensabſchnitt dargeboten, ein Verfahren, welches bei Schiller nicht möglich iſt, wo wir das aus der„Anthologie“ Vor⸗ handene ſozuſagen en bloc annehmen müſſen, bei ſeltenem chronologiſchem Anhalt. Und wie arm, wie eintönig, aber auch wie hochſinnig und vom Selbſt los iſt die Schillerſche Jugend⸗ lyrik, die nun daneben zu betrachten iſt! Eine Kluft etwa wie zwiſchen Arioſt und Milton. Doch zunächſt wendet ſich die Betrachtung dem Leben Schillers zu, wobei der Erzieher und Geſchichtskenner die heilige Pflicht hat, der Wahrheit die Ehre gebend, die Abſichten und Ein⸗ richtungen der Hohen Carlsſchule ſo hinzuſtellen, wie ſie in Wirklichkeit waren(ſ. Wagners Geſchichte derſelben). Schiller ſelbſt hat in Körners Nähe über den Herzog und ſeine Schöpfung weniger ab irato urteilen gelernt. Im übrigen ſind die meiſten ſachlichen Aufhellungen über
¹)„Glück der Entfernung“ ernſter wieder aufgenommen in Taſſo III, 3, Schluß, von Leonore Sanvitale.
²) Intereſſant ſind mir in„Mahomeds Geſang“ die Anklänge an die Goethen offenbar bekannte Moſella des Auſonius: esse tui cupiunt; tu fratrem adopta; largitor utrique; accedent vires; und v. 472 sqd.


