Aufsatz 
Immanente Parallelbehandlung des Goethe- und Schiller-Stoffes in Oberprima / Ludwig Schaedel
Entstehung
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Immanente Parallelbehandlung des Goethe⸗ und Schiller⸗Stoffes in Oberprima.

Von Dr. Ludwig Schädel.

Wenn man zwanzig Jahre lang ohne Unterbrechung den deutſchen Unterricht in der Gegenſtand.

Prima erteilt hat, iſt es wenigſtens keine Voreiligkeit, ſich über ſeinen Betrieb in der be⸗ ſchränkten öffentlichkeit eines Schulprogramms zu äußern, beſonders wenn ein neuer aus⸗ führbarer und wirklich ausgeführter Vorſchlag mit den theoretiſchen Erörterungen ſich verbindet. Ich halte es nämlich für viel fruchtbarer, Goethes und Schillers Leben und Werke durchweg zu vergleichen, anſtatt ſie, was ja das Nächſtliegende und Gebräuchliche iſt, nacheinander vor⸗ zutragen. Nicht etwa nur aus dem negativen Grunde, daß die Behandlung Schillers, deſſen Leben doch ein Jahrzehnt ſpäter beginnt, wenn man aufs Ganze ſchaut, ſchließlich doch vor Goethe behandelt werden müßte, ſondern vor allem aus poſitiven Gründen. Die Werke beider werden durch die immanente, möglichſt fortwährende Paralleliſierung verſtändlicher, da jeder Vergleich ſich zur einfachen Darſtellung verhält, wie das ſtereoſkopiſche zum Sehen auf die Fläche.

Auch die Aufſätze in Oberprima müſſen der eingehenden Betrachtung unſerer beiden Der erſte Auf⸗ größten Dichter durchaus gewidmet bleiben, wenn auch bei einem Klaſſenaufſatz und etwa beim ſatz. Abiturientenaufſatz ein hiſtoriſches Thema gewählt werden mag. Der Nutzen dagegen, den ſogenannte freie, allgemeine Themata ſtiften können, wird ſich wohl durch die Einkleidung der betreffenden äſthetiſchen und ſittlichen Wahrheiten in Schillerſche oder Goetheſche ⸗Hüllen erreichen laſſen. Um ganz im Geleiſe der Praxis zu bleiben, bemerke ich, daß in der erſten deutſchen Stunde der Oberprima ſogleich ein Thema zu ſtellen iſt, damit die ſieben Aufſätze(außer dem Prüfungsaufſatz) bis Weihnachten erledigt ſein können. Daher habe ich, um auf die Geiſtesart beider Dichter von vornherein die Aufmerkſamkeit zu richten und den Grundton anzuſchlagen, der die Jahresarbeit beſtimmt, im erſten Aufſatz letzthin einen Vergleich zwiſchen Schillers Klage der Ceres und Goethes ⸗Monolog der Proſerpina imTriumph der Empfindſamkeit ¹) ziehen laſſen. Sie verhalten ſich ſachlich wie Frage und Antwort. So bezeichnend nun für Schillers Geiſtesart die Klage iſt, eine ſo großartige dichteriſche Offenbarung iſt das Monodram Proſerpina, und vielleicht das dramatiſch Wirkſamſte, neben dem Klärchenmonolog und Prometheusmonolog, was wir von Goethe überhaupt haben. Das bedarf keiner langen Erläuterung: ein einfaches Danebenlegen von Iphigeniens Gelflied gegen die Götter zeigt, ſo ſchön es iſt, welch ſtärkere Regiſter er hier noch ziehen konnte. Die Oberprima wird an Klopſtock und Leſſing hinreichend äſthetiſch

¹) DerTriumph iſt überhaupt höchſt wichtig. Mit Primanern privatim geleſen. Von der

bloß empfohlenen Lektüre, wenn ſie nicht im Aufſatz oder durch Vortrag kontrolliert wird, gilt ja Goethes ſcharfes Wort überdas Modewort Lektüre.