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Der Dichter der Frithjofſage Eſaias Tegnér war geboren zu Kyrkerud im Biſchofsſprengel Carlſtadt (auf der Landenge von Wermland) in Schweden am 13. Nov. 1782. Sein Vater, der Sohn eines unbe⸗ mittelten Bauern, war daſelbſt Caplan, ſtarb aber als Pfarrer zu Milleswik und hinterließ eine mittelloſe Wittwe, 2 Töchter und 4 Söhne, unter denen der neunjährige Eſaias der jüngſte war. Um der Mutter den Kummer für die Zukunft des jüngſten Sohnes zu erleichtern, nahm dieſen ein Freund des Verſtorbenen, ein königlicher Kronenvogt, zu ſich. Der Knabe, obgleich erſt 10 Jahre alt, hatte ſchnell das Rechnungs⸗ weſen und die Amtsgeſchäfte ſeines Wohlthäters begriffen, daneben aber auch als Begleiter deſſelben auf den Terminen die reichen Naturſchönheiten Wermlands kennen lernen, die ſeine Seele für das Große und Schöne empfänglich machten und ſeine Phantaſie mit unauslöſchlichen Bildern befruchteten. Die außeror⸗ dentliche Wißbegierde des Knaben und ſein klares Urtheil brachten bald den guten Kronenvogt zur Ueber⸗ zeugung, daß ſein Schützling zu etwas Höherem beſtimmt ſei, und bewogen ihn, denſelben dem älteſten Bruder Tegnér's, der eine Hauslehrerſtelle begleitete, zur höheren Ausbildung zu übergeben. Unter des Bruders Augen lernte er in% Jahren ſoviel Latein, daß er eine Menge lateiniſcher Dichter und Proſaiker las. Das Engliſche hatte er ſich bereits auf eigne Hand angeeignet und als er ſeinen Bruder in eine andere Hauslehrerſtelle, zu dem Bergrathe Myhrmann, ſeinem künftigen Schwiegervater, begleitete, ſtudirte er wieder auf eigne Hand das Griechiſche und ganz beſonders den Homer. Auch des Franzöſiſchen und Alles deſſen, was ſeines neuen Gönners ſchöne Bibliothek darbot, bemächtigte er ſich mit ſolchem Eifer, daß er bereits in ſeinem ſechszehnten Jahre ſtatt ſeines Bruders bei den jüngeren Söhnen des Hauſes die Stelle als Haus⸗ lehrer mit Ehren einzunehmen vermochte.
Von nun an war Tegnér Lehrer bis an das Ende ſeines Lebens. 1799 bezog er mit ſeinen Zög⸗ lingen die Univerſität Lund, wo er trotz der Unterſtützungen ſeiner Gönner ein kärgliches Leben zu führen gezwungen war. Nichtsdeſtoweniger ſetzte er ſeine Studien mit unausgeſetztem Eifer fort und zwar meiſt als Autodidakt. In ſeinem ſiebzehnten Jahre ſchrieb er in fließendem Latein eine vita Anacreontis; 2 Jahre darauf ward er als Magiſter mit dem Lorbeer gekrönt, nachdem er die Frage beantwortet:„Ouaeritur: an sperandum est fore ut disciplinae et litterae saeculo XIX tanta capiant incrementa, quanta saeculo XVIII ceperunt.“ Bald darauf ſehen wir ihn nach einer herausgegebenen und vertheidigten Abhandlung „de fabula Aesopica, zum Dozenten der Aeſthetik berufen und in Folge eines neuen Sperimen„über Kant“ auch zu einer philoſophiſchen Adjunktur vorgeſchlagen, welche er nach kurzer Begleitung einer Privat⸗ lehrerſtelle in Stockholm Herbſt 1803 antrat.
Tegnér iſt jetzt akademiſcher Lehrer vierzig Semeſter hindurch. Durch den freilich knappen Ertrag mehrerer akademiſcher Aemter war er in Stand geſetzt, Myhrmanns Tochter als Gattin heimzuführen. Das Bewußtſein der Unabhängigkeit und der geſicherten Stellung hatte eine merkwürdige Veränderung in das ganze Weſen des Dichters gebracht. Früher zurückgezogen, unbekümmert um die Außenwelt, unzugänglich, ja verſchloſſen, ward er jetzt mit einem Male lebhaft, offen, geſellig, voller Witz und tändelnden Scherzes, ſo daß er die Seele und der Mittelpunkt der Geſellſchaft geworden. Schon längſt, ja ſchon bei dem Vog⸗ teiſchreiber, hatte ſich die poetiſche Ader geöffnet, nun aber ergoß ſie ſich immer reicher und reiner. Wie als lyriſcher und epigrammatiſcher Dichter, ſo ſtieg er als akademiſcher Lehrer immer hoher im Anſehen und die Jugend ſtrömte mit Begeiſterung in ſeine äſthetiſchen Vorleſungen. 1„Dieſe waren mit großer Sorg⸗ falt ausgearbeitet. Sie zeichneten ſich durch ſtrenge Begrenzung der Begriffe, eine höͤchſt geiſtreiche Art, die Gegenſtände zu gruppiren, und durch eine mehr als gewöhnliche Fähigkeit, ſpeculative Stoffe zu populari⸗ ſiren, aus. Hiezu kam ein Vortrag, einfach wie die Wahrheit, und unbefangen wie die ächte Schönheit. Kein Nebel lag über den Gedanken, kein Schleier über dem Ausdruck. Was er lehrte und ſagte, war klar und durchſichtig wie der Kryſtall.“ Bald außerordentlicher Profeſſor der Aeſthetik und endlich ordentlicher Profeſſor der griechiſchen Litteratur(1812) entfaltete er ſowohl in der Dichtung als in der ſtrengen philo⸗ logiſchen und theologiſchen Wiſſenſchaft eine erfreuliche Thätigkeit. Sein Gedicht„Svea“ ward von der ſchwediſchen Akademie mit dem großen Preiſe belohnt und der Verfaſſer deſſelben Mitglied des„Gothiſchen
1) S. Lebensbeſchreibung Tegnér's von Böttiger u. ſ. w. S. 16. 8


