Aufsatz 
Studien über John Milton's poetische Werke / Ferdinand Lotheissen
Entstehung
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ſchen Dichter des 16. Jahrhunderts, war darin offenbar ſein Vorbild, die in drei Geſängen den Krieg im Himmel beſang und dieſen Kunſtgriff der Teufel ſchon auf ähnliche Art ſchilderte.

Im Epos tritt ſonſt der Dichter ſo weit wie möglich in den Hintergrund, und läßt die Begebenheiten gleichſam durch innere, eigne Kraft an uns vorüberziehen. Weder in der Odyſſee, noch in der Iliade, noch in dem Nibelungenlied erfahren wir etwas über den Dichter, aber aus dem Verlorenen Paradies kann man die Schickſale Milton's in ihren Hauptumriſſen leicht herausfinden. Im Gegenſatz zur Objectivität der alten großen Volksepen kann unſer Gedicht ſomit den Charakter der neueren Zeit und ihrer mehr perſönlichen Dichtungsweiſe nicht verleugnen; will man aber jene Abſchweifungen des Dichters, in welchen er von ſich, ſeiner Lage und ſeinen Empfindungen redet, für Verſtöße gegen das Geſetz des Heldengedichts erklären, ſo ſind es wenigſtens Verſtöße, die wir nicht wegwünſchen können, da ſie mit zu dem Schönſten und Rüh⸗ rendſten gehören, was je gedichtet worden iſt.

Die Redeweiſe Milton's iſt zwar nicht frei von alterthümlichen Ausdrücken, dennoch gilt ſie als die erſte Probe der völlig ausgebildeten engliſchen Sprache, wie man ſie jetzt als rein und claſſiſch betrachtet. Er überragt darin ſeine Vorgänger bei weitem. Sein Siil iſt ernſt und großartig, wie es die Würde des Gegenſtandes und die Tiefe der Gedanken verlangte. Aber trotz der Schwere iſt er nicht verworren. Denn dieſelbe geiſtige Klarheit und Entſchiedenheit, die Milton's proſaiſche Werke, ja ſein ganzes Leben auszeich⸗ net, ſtrahlt auch aus ſeinen Gedichten. Er hat die engliſche Sprache entſchieden reicher und biegſamer gemacht, wenn auch ſeine Eigenthümlichkeiten nicht alle nachzuahmen ſind. Leichte Kunſtgriffe, von der gewöhnlichen Redeweiſe abzuweichen, waren ihm die Stellung des Adjectivs nach dem Subſtantiv, die Verſetzung der Worte, der Gebrauch der Adjectiva als Subſtantiva; Wendungen und Conſtructionen der alten Völker, die ihm nicht auffallen konnten, da er ſo ſehr in den griechiſchen und römiſchen Dichtern lebte. Thun ſie auch in einzelnen Fällen der Sprache Gewalt an, ſo ſind ſie doch meiſtens von günſtigem Erfolg. Außer Hellenismen und Romanismen ſoll er auch von Hebraismen nicht frei ſein, und gar manche Fremdwörter und techniſche Bezeichnungen, die er, der Klarheit opfernd, gebraucht hat, ſcheinen mehr den Gelehrten, als den Dichter zu verrathen. Ueberaus reich iſt das Gedicht dagegen an den herrlichſten Bil⸗ dern, für die er bei Homer nicht umſonſt in die Schule gegangen iſt. Vergleichungen aus Poeſie und Ge⸗ ſchichte mußten dem blinden Manne zunächſt liegen, doch es iſt grade, als ob ihm die Beraubung des Lichts den Einblick in die Tiefe der Natur erſt recht ermöglicht hätte. Wunderbar ſchöne Bilder dienen zur Belebung der Erzählung. So gleich im erſten Geſang die ſchon früher angeführte Vergleichung Satan's mit der verdunkelten Sonne, oder mit einer vom Blitz getroffenen Bergesſichte, die in ihrem ſtolzen Wuchs mit verſengtem Wipfel und laubentblößt auf öder Haide emporragt,*) oder das ſchöne Bild, in dem das Gedränge des hoͤlliſchen Heeres mit einem Bienenſchwarm verglichen wird, der im Lenz ſein zahlreiches Völkchen ausſendet, das im Thau von Blume zu Blume fliegt, oder auf dem glatten Hof der ſtrohgefloch⸗ tenen Burg über die Geſchäfte des Staates berathſchlagt.**)

Als Dichter ſteht Milton einzig in ſeiner Gattung da. Nicht die Wahl ſeines Stoffes, ſondern die Kraft und Hoheit der Behandlung haben ihn auf die einſame Höhe geſtellt. Macauley hat ihn ſehr ſchön mit Aeſchylus verglichen, deſſen Prometheus allerdings in ſeinem Trotz gegen Zeus viel Aehnlichkeit mit Satan hat. Von den neueren Dichtern iſt auch nur Einer neben ihn zu ſtellen, Dante. Beide Männer beweiſen dadurch ihren einfachen antiken Sinn, daß ſie mit ihren Gedanken und Beſtrebungen ſich nicht von ihrem Vaterlande losſagen, ſondern trotz des ſcheinbar abliegenden Gegenſtandes ſtets die Kämpfe und Beſtrebungen ihrer Zeit lebendig in ſich tragen und ſie in ihrem Gedicht, wie in einem Spiegel verklären. Beide Männer haben in ihrer Manneskraft dem Vaterland gedient, beide waren Staatsmänner und ſahen ſich am Ende ihrer Laufbahn geſtürzt und verlaſſen, Dante flüchtig und verbannt, Milton blind und ange⸗ feindet. Und beide dichteten in der Zeit der Bedrückung ihre ewig dauernden Werke, beide nahmen ſich das ganze Weltall, vom Glanz des Himmels bis zur Nacht der Hölle, zum Gegenſtand ihrer begeiſterten Dichtungen.

) P. L. I, 612.*) P. L. I, 768.