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Aber Dante iſt leidenſchaftlicher, energiſcher, ſchwerer. Das Colorit ſeiner Zeichnungen iſt dunkel, und doch mit brennenden Farben gemalt. Er iſt ein Südländer mit heißem Blut, dem die Schickſale das große Herz verbittert haben. Milton hat ſeinen Frieden mit Gott und den Menſchen aus allen Stürmen ſeines Lebens gerettet. In ihm lebt eine unverwüſtliche Liebe zu dem menſchlichen Geſchlecht und das ſichere Zutrauen auf ſeine ſtete Entwickelung. Großartig und tief, wie Dante, iſt er nicht ſo furchtbar, nicht ſo einzig von dem tiefen Ernſt des Lebens erfüllt. Milton kennt in ſeinen Gedichten die volle Freude heiterer Schönheit und Liebe, aber wenn Dante in ſeltenen Accorden dieſe Gefühle berührt, ſo erklingt aus ihnen doch die tiefſte Schwermuth, ja faſt ein verdammendes Urtheil. Den ganzen Unterſchied beider Män⸗ ner klar zu machen, iſt hier nicht möglich, und einige Andeutungen müſſen genügen. Milton's Gedicht iſt als Epos angelegt und bildet ein in einander greifendes abgerundetes Ganzes. Die Göttliche Komödie iſt Uerdings auch ein zuſammenhängendes Werk, das aber in Reihen von Bildern und Scenen zerfällt, die icht organiſch in einander gefügt ſind. Dante erſcheint ſelbſt thätig; er durchwandert an Virgil's und tricen's Hand Hölle, Fegfeuer und Himmel und erzählt, was er geſehen hat. Die ganze Art ſeiner ilderung muß darnach eine andere ſein, wie bei Milton. Satan liegt bei Dante im tiefſten Kreis der ölle, mit drei Geſichtern und ſechs Augen, aus denen Thränenſtröͤme rinnen, in jedem Mund zermalmt er einen Sünder, Judas Iſcharioth, Brutus und Caſſius. Von ihm geht zwar auch alles Böſe aus, das die Welt verdirbt, doch erſcheint er im Gedicht nicht weiter als bewegende großartige Macht. Anders mußte ihn Milton auffaſſen. Bei ihm iſt er der thätige, himmelſtürmende Engel, der auch noch nach ſeinem Fall die Erinnerung an die einſtige Größe bewahrt. Körperliche Schmerzen ſind es zumeiſt, welche die Ver⸗ dammten in der Hölle Dante's erdulden, bei Milton's Teufeln fällt das Hauptgewicht auf die Qualen des Gemüths. Der Gedanke an das verlorene Glück, der vergebliche Haß, der Neid und die ſich ſelbſt verzeh⸗ rende Bosheit, die Unruhe und nie geſtillte Sehnſucht peinigen die hölliſche Rotte des Verlorenen Paradieſes mehr als die ewigen Flammen..
Zu ſtreiten, wem von beiden Dichtern die Palme gebühre, wäre unnütz und unfruchtbar, wie überhaupt jede Unterſuchung der Art es ſein muß. Beide, Milton ſowohl wie Dante, ſind erwachſen aus ihrer Zeit und ihrem Lande, aber beide ſind ihren Jahrhunderten vorangeeilt, und ihr Ruhm wird glänzen, ſo lange ſich ihr Vaterland nicht ſelbſt vergeſſen wird.
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