Vor Allem aber iſt die Charakteriſtik Satan's vortrefflich. Seine Macht und geiſtige Größe wird trotz ſeines Abfalls hervorgehoben, denn nur ein ſolcher konnte den furchtbaren Gedanken eines Aufſtandes faſſen. Freilich iſt ſeine Größe ohne Adel und in vielen Zügen zeigt ſich deutlich ſeine Heuchelei und nei⸗ diſche Bosheit. Doch ſelbſt der Teufel iſt nicht jeder Regung von Mitleid entfremdet, und in dem Ent⸗ ſchluß, Eva zu berücken, vermag ihn nur der grenzenloſe Haß gegen Gott aufs Neue zu befeſtigen. Drei⸗ mal verſagt ihm die Stimme und ſchießen ihm die Thränen in das Auge, als er die Schaaren der durch ihn verführten Geiſter überſieht. Solche Züge verrathen den ächten Dichter, dem die Tiefen der Leidenſchaft erſchloſſen ſind. So iſt Satan ein wahrer König und Fürſt der Hölle, um den ſich die andern Teufel in gleich fräftiger Zeichnung gruppiren. Moloch erſcheint mit Blut beſchmiert; er iſt der wildeſte Engel, der mit dem Himmel focht; er iſt der erſte, der nochmals zum wilden Krieg auffordert und gänzliche Vernichtung einem qualvollen Leben vorzieht. Im Gegenſatz zu ihm iſt Belial der gemeine, nur auf Genuß und Lüſte bedachte Geiſt, der dazu räth, den Widerſtand aufzugeben und ſich in der Hölle einzurichten. Von ihm weiß das ſechſte Buch keine Heldenthaten, nur ſpottende Worte zu melden. So wird Jeder, wenn auch oft nur mit kurzen Strichen, ſcharf gezeichnet. Doch die höchſte Kunſt lebendiger Charakteriſtik iſt auf das Paar verwandt, das Edens lieblichen Sitz bewohnt. Die Gefahr lag nahe, bei der Schilderung des Paradieſes ein glänzendes, aber thatenloſes und kaltes Gemälde zu liefern, das vor lauter Unſchuld und Frieden die menſchliche Natur und ihre Gefühle verleugnet hätte. Aber grade hier zeigt ſich die Kunſt der Anlage. Die Erzählungen vom Kampf der Engel und der Schöpfung der Welt ſind mit Abſicht in die Scenen des Pa⸗ radieſes verlegt, um jenen noch mehr Bewegung und Abwechslung zu geben, und wenn unſer Aller Urältern auch in dem Stand der reinen Unſchuld erſcheinen, ſo haben ſie doch warme Gefühle und wahrhaftes Le⸗ ben. Die edle Männlichkeit Adam's, ſeine Liebe zu der Gattin, ſeine Sorgſamkeit und Einſicht bilden das ſchönſte Gegenſtück zu Eva's Anmuth und Schönheit, zu ihrer Lebendigkeit und aufflammenden Phantaſie. Sie erſcheinen uns als reine, ſchuldloſe Menſchen, aber wir ſehen deutlich, daß auch andere Kräfte in ihnen ſchlummern, Leidenſchaften, die nur auf den Anſtoß warten, um hervorzubrechen. Dieſelbe Begier nach Erkenntniß, welche Eva zu Fall bringt, zeigt Adam ſchon vorher in ſeiner Unterredung mit dem Engel Raphael, der ihn deßhalb warnt, nicht zu ſehr dem Verborgenen nachzuforſchen und Gott zu ehren, welcher der Herr der Geheimniſſe iſt. Auch vor der blinden Leidenſchaft ſucht ihn der Engel zu warnen, denn ſie iſt es, die Adam ſtürzt. Eva's Fall hat ihren Grund zum Theil in ihrem eiteln Selbſtgefühl und ihrer Hartnäckigkeit, Adam aber ſündigt aus Liebe. Und das iſt das Tragiſche, daß es kein gemeiner, unedler Fehler iſt, der die Menſchen ihres Glückes beraubt, ſondern daß es das Herz iſt, aus dem hier, wie überall, Glück und Unglück herſtammt. Wir fühlen uns grade deßhalb von dem duftigen Leben des Paradieſes ſo angezogen, weil wir wahre Menſchen, keine todten Charakterbilder vor uns ſehen. Nach dem Sündenfall wird die Zeichnung noch kräftiger und die Schilderungen des böſen Gewiſſens, der Verzweiflung, des Ha⸗ ders, der Reue und endlichen Verſöhnung ſind pſychologiſche Meiſterſtücke.
Milton iſt durchaus original, obwohl er ſich in ſeiner ganzen Dichtung auf die verſchiedenſten Werke der Vergangenheit ſtützt. Seine Hauptquelle und der Boden, auf dem er ſein ganzes Gedicht erbaut hat, iſt die heilige Schrift. Jeder kleinſte Zug in der Schilderung des Himmels beruht auf einer Stelle derſel⸗ ben. So iſt die Beſchreibung des Wagens und der belebten Räder, welche Chriſtum in den Kampf führen, der Viſion Ezechiel's nachgebildet, und wie Maccabäus im Traum von Jeremias ſeine Waffe erhält, ſo wird der Erzengel Michael von Gott mit einem Flammenſchwert ausgerüſtet. Solche Beiſpiele wären in Menge anzuführen und eine ähnliche Reihe von Reminiscenzen aus Homer und Virgil, neuere Dichtungen
nicht zu erwähnen. Doch ſind dieſe Anklänge frei von ſclaviſcher Nachahmung, und Alles iſt wirkliches
Eigenthum des Milton'ſchen Genius, deſſen wahrhafte Größe ſein unantaſtbares Eigenthum iſt und bleiben
wird. Oft ſind grade die Stellen die ſchwächſten, welche augenſcheinlich durch die Erinnerung an andere
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Dichter entſtanden ſind. Milton verehrte Spenſer mit Recht, und hat in ſeinem Geiſte die Allegorie von der Sünde und dem Tod gedichtet. Aber ſo überaus kräftig ſie an und für ſich iſt, ſo erſcheint ſie doch wie eine fremde Zuthat in dem Laufe der Erzählung. Noch auffallender iſt es, daß grade die Erfindung der Kanonen kein Gedanke Miltons war. Die Angeleida von Erasmo Valvaſone, einem angeſehenen italieni⸗


