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Recht, der behauptet, daß das„Verlorene Paradies“, wenn auch vielleicht kein heroiſches, doch jedenfalls ein göttliches Gedicht ſei.
Freilich hat auch Milton die Klippe nicht ganz umſchiffen können, an der Klopſtock hauptſächlich ge⸗ ſcheitert iſt. Auch bei ihm iſt die Darſtellung des Himmels und der ſeligen Engel bei weitem der farbloſeſte Theil des Gedichts. Wir Menſchen müſſen das Reich des Glanzes und Lichtes, das ohne Schatten iſt, zwar verehren, können es aber nicht epiſch ſchildern. Allgemeine Bilder und unbeſtimmte Andeutungen kön⸗ nen uns mit Schauer und Ehrfurcht erfüllen, eingehende Beſchreibungen werden ſtets ſchwächer ſein. An die Stelle epiſcher Erzählung tritt dann nur zu leicht dogmatiſche Auseinanderſetzung, mit der man das einförmige Bild zu beleben ſucht. So iſt es bei Dante und Klopſtock, ſo iſt es auch bei Milton. Nur daß bei ihm die Scenen im Himmel einen verhältnißmäßig ſehr kleinen Theil einnehmen und faſt nur als Ruhepunkte zu betrachten ſind. Denn die hölliſche Empörung, und die furchtbare Schlacht, die den Himmel bewegt, gehören als Darſtellung der Leidenſchaft und des raſenden Beginnens nicht zu den Bildern der be⸗ ſeligten und verklärten Himmelswelt. Aber ſelbſt der Kampf Satans und ſeiner Anhänger mit der Gottes⸗ ſchaar, der faſt den Gipfelpunkt des Gedichts ausmacht, hat mit der Ungunſt des Gegenſtands zu kämpfen. Zwar billigen wir die Bemerkung), daß die Schlacht ohne ſpannendes Intereſſe für uns ſei, weil wir an dem Sieg der göttlichen Sache nicht zweifeln können, keineswegs, denn der Allmächtige hat ſeine Stärke bis dahin noch nicht ſo offenbart und Satan erkennt erſt in dieſem Kriege ſeine völlige Ohnmacht gegen Got⸗ tes Willen. Ihn belebt Anfangs die frohe Siegeshoffnung, daß er ſich ſelbſt zum Herrn der Schöpfung machen könne, bis ihn ſein furchtbarer Sturz belehrt, wie nichtig ſein Vertrauen war. Wohl aber liegt eine Hauptſchwierigkeit für die Schilderung in der Unſterblichkeit der Kämpfenden. Ja, die treugebliebenen Engel ſind ſogar unverwundbar und faſt ſcheint es, als ob dadurch die Hauptfurchtbarkeit des Treffens entfernt ſei. Aber dieſe Schwäche hat der Dichter meiſterhaft verdeckt. Man hat kaum Zeit, einen ſolchen Gedanken zu faſſen, oder man vergißt ihn in dem ſteigenden Gewühl, in der immer höher aufflammenden Wuth des großartigen Kampfes. Trotzdem, daß wir die Natur der Engel kennen, ſchlägt uns das Herz, wenn die himmliſchen Schaaren unter dem Hohn ihrer Gegner ſtürzen und dann muthig ſich erhebend Felſen und Berge zur Wehr entgegenſchleudern. Die Steigerung iſt ſo vortrefflich, der Eindruck des Ganzen ſo gewaltig, daß die Einzelnheiten, welche ihm Eintrag thun könnten, leicht überſehen werden.
Denn allerdings begegnet es Milton mehrmals, daß ſeine Phantaſie mitten im erhabenen Flug plötz⸗ lich nachläßt und in dem Beſtreben, recht genau zu ſein, zu kleinlichen Bildern herabſinkt. So iſt die Er⸗ findung des Geſchützes von Seiten Satans zwar an und für ſich charakteriſtiſch, aber der Erhabenheit der Darſtellung völlig unangemeſſen. Ebenſo verliert die Welt der Hölle an großartiger Furchtbarkeit, wenn die Millionen, die ſich in das Pandämonium drängen, um Satan's Rede zu hören, plötzlich Zwerge werden, um Platz in dem ungeheuren Pallaſt zu finden, oder wenn Uriel auf einem Sonnenſtrahl vom Himmel zur Erde fährt, welches Bild man wohl von der Königin Mab oder von einem Elſchen, nicht aber von einem mächtigen Cherub gebrauchen darf.
Doch dieſe Schwächen ſind alle nur wie Flecken an der Sonne. Hoheit der Darſtellung und Tiefe der Gedanken vereinigen ſich in dieſem unſterblichen Werke mit der Anmuth reizvollſter Schilderung. Eine unvergängliche Reinheit und Innigkeit des Gefühls adelt jeden Ausdruck, jeden Gedanken, und Milton iſt gleich groß in der lieblichen Schilderung Eden's wie in den Schrecken der Hölle. Es ſind keine leeren Schatten⸗ bilder, die vor uns treten; die Charakteriſtik der einzelnen Perſonen iſt durchaus meiſterhaft. Selbſt die Engel, die zur Erde niederſteigen, ſind verſchiedenartig gezeichnet. Michael, der majeſtätiſche Fürſt des Him⸗ mels, kommt nur zur Vollziehung des Gerichts auf die Erde herab, aber der freundliche Raphael liebt den Darfehr mit dem Menſchenpaar. Er iſt es, der auf Adam's Frage, ob auch die Engel lieben, ſo ſchön erwiedert:
Mag dir's genügen, glücklich uns zu wiſſen, Denn ohne Lieb' iſt keine Seligkeit.
*) Th Campbell, Specimens of Brit. Poetry. vol. I. London 1819.


