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So fleht ſie zu Adam, der, von ihrem Kummer und ihrer Demuth gerührt, ſich erweicht fühlt. Sie, die jüngſt ſein Leben und ſein Alles war, liegt weinend im Staube vor ihm. Er nimmt ſie wieder auf und ſtärkt ihr verzweifelndes Herz, das ſchon daran denkt, durch freiwillige raſche Hingabe an den Tod mit ſich das ganze künftige Geſchlecht der Menſchen zu vernichten, das ja mit ewigem Leid bedroht iſt. Adam er⸗ kennt trotz der Strafe Gottes Nachſicht an, der ſie ſchon bekleidet hat, und der auch bei aufrichtiger Reue und Buße von ſeinem Zorn ablaſſen und wieder gnädig und mild erſcheinen wird.
So ſchicken ſie gemeinſam ihr Gebet zu Gott in der Höbe, das dieſer gnädig aufnimmt und auf Chriſti Fürbitte noch einmal dereinſtige Erlöſung verſpricht. Jetzt aber muß ſich das Geſchick erfüllen. Der Erz⸗ engel Michael ſteigt mit einer Flammenſchaar von Cherubim hernieder, das Menſchenpaar aus dem entweihten Eden zu führen und dann dieſen ſeligen Aufenthalt vor dem Eindringen der Höllengeiſter zu ſchützen.
Die Botſchaft zu mildern, erſcheint Michael nicht in ſeinem Glanze, ſondern in Menſchengeſtalt vor Adam und verkündigt ihm den Befehl Gottes. Solches Schickſal hat dieſer nicht erwartet. Er ſteht erſtarrt, doch in herzbrechender Klage nimmt Eva Abſchied von dem Paradies, ihrem mütterlichen Boden, den Auen und ſeligen Schatten, den Blumen, die ſie gepflegt und benannt. Michael tröſtet ſie, denn Erde und Him⸗ mel, nicht bloß Eden, ſind des Herrn, der allgegenwärtig iſt. Adam aber führt er auf einen Hügel und läßt in einer Reihe von Viſionen die Geſchichte des Menſchengeſchlechts an ihm vorübergehen. Abel's Tod⸗ ſchlag, Peſt und Krieg, wilder Taumel und Ueppigkeit, die Sündfluth, das Volk Iſraels bis zu Chriſti Ge⸗ burt und Tod, in einer Reihe von oft tiefergreifenden Schilderungen, erfüllen Adams Herz mit Trauer über ſein Geſchlecht, bis der Engel mit der Verſoͤhnung durch den Tod Chriſti und der Verheißung der Se⸗ ligkeit ſchließt.
Nun aber iſt die Stunde des Abſchieds gekommen. Die Schaar der Cherubim ſteigt in einer Strah⸗ lenreihe vom Berge nieder und vor ihnen lodert das Flammenſchwert des Herrn wie ein Glutkomet. Raſch faßt Michael das Menſchenpaar bei der Hand, wehmüthig wenden ſich dieſe noch einmal zurück. Ihr ſeliger Wohnſitz iſt von Flammen überwallt, rieſige Geſtalten haben bereits die Pforte umſchaart.
Sie fühlten langſam Thränen niederperlen, Die Vorſehung des Herrn als Führerin. Jedoch ſie trockneten die Wangen bald, Sie wanderten mit langſam zagem Schritt Vor ihnen lag die große weite Welt, Und Hand in Hand aus Eden ihres Weges.
Wo ſie den Ruheplatz ſich wählen konnten,
Mit dieſen Worten, die wieder Frieden und Ruhe athmen und die zugleich eine großartige Ausſicht in die Zukunft eröffnen, ſchließt das„Verlorne Paradies“.
Als Ergänzung dazu hat Milton bekanntlich in den vier Geſängen ſeines„Wiedergewonnenen Pa⸗ radieſes“ die Verſuchungsgeſchichte Chriſti in der Wüſte dargeſtellt, und zwar, wie man hier und da fabelt, weil er ſelbſt den Mangel einer Verſöhnung in ſeinem erſten Gedicht empfunden habe. Doch iſt dieſe ge⸗ nügend angedeutet, wenn man überhaupt bei einem Epos dieſe Forderung als nothwendig hinſtellen kann, da doch Ilias und Nibelungenlied mit der Cataſtrophe ſchließen. Milton ſoll ſein„Wiedergewonnenes Paradies“ ſehr hoch geſchaͤtzt haben, was es durch die Vollendung der Sprache, das tiefe und feine Gefühl, das ſich darin ausſpricht, vollkommen verdient, wenn es auch eher ein religiöſes Gedicht als ein Epos zu nennen iſt. Doch dieſe Bezeichnung paßt nach Einigen auch nicht recht auf das„Verlorene Paradies“. Ein Heldengedicht verlange einen Helden, und der iſt allerdings, ſtreng genommen, nicht darin vorhanden. Adam iſt kein Streiter, der den Mächten der Hölle gewachſen iſt, denn nur Gehorſam gegen das himmliſche Gebot kann ihn aus der Gefahr retten. Nach der gewöhnlichen Auffaſſung iſt das kein Zug, der für den Character eines epiſchen Helden paßt, und Dryden hat deßhalb auch Satan für den eigentlichen Kämpen und Träger des Gedichts erklärt. Doch darf man nicht zu engherzig nach einem zum Voraus gebildeten Schema urtheilen. Adam iſt allerdings der Mittelpunkt des Ganzen, um ſeinen Sieg oder Fall gruppirt ſich das ganze Gedicht. Durch ihn wird das Geſchick der Menſchheit beſtimmt und das Intereſſe eines jeden Leſers ſomit gefeſſelt. Wir ſehen hier, wie in jedem andern Epos, Liebe und Kampf, Leidenſchaft und friedliches Glück. Jede Seite des menſchlichen Herzens wird in ihm wunderbar berührt, und e hat Addiſon


