Aufsatz 
Studien über John Milton's poetische Werke / Ferdinand Lotheissen
Entstehung
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nicht widerſtehen, für beleidigend hielt. So gab Adam nach. Aber zu Eva, die ein Roſengebüſch zu ſtützen beginnt, wälzt ſich Satan in der Schlangengeſtalt. Faſt hätte ihn die Schönheit und Lieblichkeit des Weibes zur Milde geſtimmt, hätte er nicht raſch dem wilden Haß geboten und ſein Herz zum Unheil beſtärkt.

Schmeichelnd nähert ſich die Schlange und bricht in bewundernde, anbetende Worte aus. Eva erſtaunt über das Wunder, welches einem Thier die Sprache verliehen, und hört überraſcht, daß dies der Genuß einer einzigen ſchönen Frucht bewirkt habe. Seitdem habe ſie, ſagt die Schlange, Verſtand und Sprache gefunden und vermöge das Gute und Schöne zu erkennen, das aber alo höchſte Stufe in Eva's Schönheit und Anmuth himmliſch vereint ſei. Des Weibes letzte Zweifel zu beſiegen, führt ſie das Thier zu dem Baum es iſt der Baum der Erkenntniß. Von ihm zu koſten, weigert ſich Eva, doch die Schlange bricht in begeiſterte Worte aus:

Du Königin der Welt, Sieh mich an, hab ich doch die Frucht berührt, O glaube dieſer Todesdrohung nicht, Und auch gekoſtet, und ich lebe doch! Nicht ſterbet ihr! Thät euch die Frucht dies an? Ich ward vom Thiere Menſch, ihr werdet Götter. Sie gibt euch der Erkenntniß Leben erſt! O Göttin du in menſchlicher Geſialt, Verlieh den Tod euch jener, der euch drohte? Gebrauch die Hand und koſte nach Belieben.

Die betrügeriſchen Worte dringen in Eva's Herz und nach kurzem Kampfe ſtreckt ſie die Hand nach der Frucht aus und ißt! Die Erde fühlt die Wunde bis in die Tiefe und die Natur ſeufzt laut. Eva aber eilt entzückt und wie trunken zu Adam. Dieſer ſteht entſetzt und ſprachlos da, als er ihre That ver⸗ nimmt. Doch ſein Entſchluß iſt bald gefaßt. Eva iſt verloren, dem Tode geweiht; ohne ſie kann er nicht leben, ſein Loos nicht von dem ihrigen ſcheiden, und mag Glück oder Wehe erfolgen, er will daſſelbe Schick⸗ ſal mit ihr theilen. So übertritt Adam aus Liebe zu Eva das göttliche Gebot und ißt auch. Die erſte Sünde iſt vollbracht, die Natur erbebt abermals und der Himmel wird trüb. Doch die Schuldigen ſehen das nicht; wie von Wein berauſcht, ſchwimmen beide in Luſt und Wonne und wähnen Götter zu ſein. Um ſo ſchlimmer iſt das Erwachen am nächſten Morgen, wann die Kraft der trügeriſchen Frucht verſchwun⸗ den iſt. Schweigend ſitzen ſie und verſtört, als ob ihnen die Sprache fehle. Sie können einander nicht anſehen, bis endlich Adam in laute Klagen ausbricht und mit Eva in gegenſeitigen Vorwürfen hadert.

So brachten ſie in wechſelsweiſen Klagen Fruchtloſe Stunden hin; doch keins von Beiden Ertheilte ſelber ſich dabei die Schuld

Und ihres eiteln Streites war kein Ende.

Die Vollziehung des göͤttlichen Urtheils kann nicht lange verſchoben werden. Chriſtus erſcheint, ver⸗ kündigt den Spruch über den hölliſchen Verführer und beſtimmt das Loos der Menſchen, daß ſie von nun an im Schweiß ihres Angeſichts ihr Brod eſſen, und, da ſie von Staub ſind, auch wieder zu Staub werden ſollen.

Schon haben Satan's Kinder, die Sünde und der Tod, eine breite Brücke über den Abgrund gebaut und die Verbindung zwiſchen Erde und Hoͤlle hergeſtellt; nun ſtürzen ſie ſich ſelbſt auf ihre Beute, die Schoͤpfung. Die Sterne erlöſchen oder verdunkeln ſich, Kälte und Hitze ſenkt ſich ſtatt des ewigen Frühlings herab, Sturmwinde durchheulen Land und Merr, ſelbſt die Thiere zerſtreuen ſich, und gerathen in blutige Feindſchaft unter einander.

Doch durch dieſe erſtarrenden Schauer klingt verſöhnend wieder eine menſchliche Rührung. Die Sünde iſt vollbracht und die Strafe verhängt, aber die Gatten finden ſich nun wieder zuſammen, in liebender Ein⸗ tracht die Laſt des ferneren Lebens zu tragen. Eva nähert ſich reumüthig dem klagenden Adam und ſinkt voll Hingebung zu ſeinen Füßen nieder. Ihre lockigen Haare ſind verwirrt und ihren Augen entſtürzen reiche Thränenſtröme. Seine Knie umfaſſend fleht ſie:

Adam, verlaß mich nicht! Der Himmel ſei Den weiſen Rath in dieſer höchſten Noth, Mein Zeuge, was für Lieb' ich zu dir hege, Der jetzt allein mir Stärk und Nutzen leiht. Den ich unwiſſentlich beleidigte, Pon dir verlaſſen, wohin ſollt' ich fliehn? Betrogen ſelbſt in unheilvoller Stunde. Wo bleiben jetzt? So lange wir noch leben, Voll Reu umfaſſ' ich deine Kniee jetzt! Bielleicht nur eine kurze Stunde noch,

O nimm mir nicht, woran mein Leben hängt, Laß zwiſchen uns vollkommen Frieden walten,

Nicht deinen fanften Blick und deine Hülſe, Laß uns vereint ſein.