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Dieſer zieht am dritten Tage aus, mit Gottes Allmacht gerüſtet. Dreigezackte Donnerkeile ſind ſeine Waffen, ſein Wagen feuerſprühend und durch innere geiſtige Kraft belebt. Zehntauſendmal zehntauſend Engel folgen ihrem König. Aber nicht mit ihrer Hülfe will er ſiegen, allein gegen ſeine Feinde alle will er Gottes Herrlichkeit kund thun. Finſter wie die Nacht fährt er daher und der Grund des Himmels er⸗ zittert unter ſeinen Flammenrädern. Zehntauſend Donner wirft ſeine Rechte auf ſie nieder und ſeine Pfeile fahren wie Feuer auf ſie herab. Wie eine Heerde furchtſamer Schafe treibt er die Feinde bis an die Gren⸗ zen des Himmels, wo ſich plötzlich eine tiefe Kluft in die Oede öffnet. Dahinein ſtürzt ſich der ganze Schwarm.
Der ew'ge Zorn flammt hinter ihnen her — Hinab zum tiefen, bodenloſen Schlund.
Die Hölle nimmt ſie auf.
Neun Tage ſielen ſie; das Chaos brüllte und fühlte zehnfach ihres Falls Verwirrung.
Der Meſſias aber kehrt im Triumph zu Gottes Thron zurück und der Himmel prangt wieder in der früheren Schönheit und Ordnung.
A dam hört mit Ehrfurcht die Erzählung ſeines erhabenen Gaſtes, der ihn warnt, nicht auch zu fehlen und das Verbot zu übertreten. Aber Adam's Wiſſensdurſt iſt noch nicht geſtillt. Er forſcht weiter nach der Schöpfung der Welt und Raphael erzählt ihm auch dieſe. Nach der Aufregung des vergangenen Kampfes iſt dieſe zweite Epiſode ein freundlicher Ruhepunkt. Gott ſandte Chriſtum aus, die neue Welt zu ſchaffen, daß ein neues Geſchlecht in ihr wohne und den Himmel neu bevölkere. So geſchah es. Chriſtus, begleitet von einem ſtrahlenden Geſolge, trat an den Rand des Himmels, wo der wüſte Abgrund wie ein Meer brauſte und vom Sturm gepeitſcht, bergeshoch ſeine Wogen warf. Das göttliche Wort genügte.„Still, ihr erzürnten Wogen! ſtill du Tiefe! die Zwietracht ende!“ gebot Chriſtus, ſogleich wich das Chaos und das weite Gebiet verklärte ſich zur Schönheit und Ordnung.
Die Geſchichte der Schöpfung füllt den ganzen ſiebenten Geſang; im achten gedenkt Adam ſeiner Er⸗ lebniſſe, wie er ſich zuerſt auf Blumenraſen liegend und wie aus dem Schlaf erwachend, gefunden habe, aufgeſprungen ſei und gelernt habe, ſeine Kräfte zu gebrauchen und die Schönheit der Erde zu genießen. Doch er habe ſich bald einſam gefühlt und Gott um eine Gefährtin für ſein Leben gebeten. In tiefen Schlaf verſunken, habe ihm der Traum eine göttlich ſchöne und doch ihm ähnliche Geſtalt zugeführt und was der Traum verſprochen, habe die Wirklichkeit erfüllt.
Alle höhere Macht der Kenntniß Verliert in ihrer Gegenwart an Werth. Weisheit verliert ſelbſt im Geſpräch mit ihr 1 Und gleicht der Thorheit,“ ſagt Adam entzückt von Eva. Der Engel ahnt ſeine Schwäche, und warnt ihn vor der blinden Leidenſchaft: Was Hohes du an deinem Weibe findeſt, Das Menſchlichreizende, Vernünft'ge liebe; Die Liebe ziemt dir, nicht die Leidenſchaft, Worin die wahre Liebe nicht beſteht.
Mit ſolchen Warnungen ſchließt Raphael ſeinen Beſuch und ſteigt, von dem Gebet Adams begleitet,
zum Himmel zurück. Doch der freundliche Verkehr der Himmliſchen mit den Sterblichen wird bald geſtört.
Nicht kündet mein Geſang mehr jene Zeit, Den lieblichen Verkehr der Sprache gönnten. Wo Gott, wo ſel'ge Weſen mit dem Menſchen Ich muß nun dieſe Töne trübe ſtimmen Gleich einem Freunde holden Umgang pflogen, Und ſingen von des Menſchen Treuebruch Und traulich bei ihm ſitzend bei dem Mahl Von Mißtraun, Ungehorſam und Empörung.
Theil nahmen und ihm ungetadelt, frei
So beginnt der neunte Geſang. Das Gedicht drängt nun, nachdem die drei Epiſoden erzählt ſind, energiſch zur Cataſtrophe.
Satan hat Eden noch nicht verlaſſen, er ſucht die Schlange auf, welche ihm am geeignetſten von allen Thieren erſcheint, ſchleicht ſich in ſie ein und erfüllt den Thieresſinn in Herz und Haupt mit der Kraft des Verſtandes. Der Zufall kommt ihm zu Statten, denn zum erſtenmal trennen ſich die Gatten bei der Arbeit. Eva beſtand darauf, allein zu bleiben, weil ſie Adams Beſorgniß, ſie könne der etwaigen Verſuchung allein


