Aufsatz 
Studien über John Milton's poetische Werke / Ferdinand Lotheissen
Entstehung
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dem Norden, wo er ſeinen königlichen Sitz errichtet hatte. Dort reizte er die Engel zum Abfall, fragte, ob ſie ſich der doppelten Selaverei unterwerfen und die Kniee beugen wollten, oder ob ſie Muth hätten, ſich mit ihm zu erheben und ihre Freiheit zu erobern. Alle ſtimmten ihm bei, nur Abdiel, ein Seraph, der am eifrigſten die Gottheit verehrte, erhob ſich in glühender Rede dagegen. Doch er vermochte keinen zu bewe⸗ gen und verließ unter dem Hohn des Heeres die Verſammlung, ſich vor Gottes Thron zu begeben.

Der ſechſte Geſang bringt uns die Schilderung des Kampfes ſelbſt. Abdiel findet die Streiter des Himmels ſchon gerüſtet, über welche Gott dem Erzengel Michael den Befehl verliehen hat. Von Norden rückt Satans Heeresmacht heran in der Hoffnung, durch Ueberfall den Höchſten zu überraſchen und zu ſtür⸗ zen. Doch auf einer weiten Ebene treffen die Heere auf einander. Hoch in der Mitte ſeiner An⸗ hänger thront, wie ein Idol der Gottesmajeſtät, der Abtrünnige in einem Sonnenwagen, von Cherubim umringt. Doch als der Kampf beginnt, verläßt er dieſen Sitz und miſcht ſich in den Vorderkampf. Dort beſteht ihn gleich Anfangs Abdiel und bringt ihn durch einen mächtigen Streich zum Taumeln. Da jubeln Gottes Engel im Vorgefühl des Siegs und entflammt zu wilder Kriegsluſt. Die Drommeten ertönen und der fürchterliche Kampf wird allgemein. Millionen Engel befehdeten ſich, von denen der geringſte ſchon die Macht der Elemente bezähmen konnte. Hätte die Erde ſchon geſtanden, ſie hätte im tiefſten Innern ge⸗ bebt. Nicht bloß auf feſtem Grund, nein, auch in der Luft raſte der Kampf und Thaten ewigen Ruhms geſchahen.

In gleicher Schale ſchwebte lang die Schlacht, Verwirrt durch's Kampfgewühl der Engel eilend Bis Satan, der ſich wundermächtig zeigte Den Ort erblickt, wo Michaels mächtig Schwert Und ſeines Gleichen nicht in Waffen traf, Mit einem Streich Geſchwader niederſtürzt.

Die beiden Führer meſſen ſich nun ſelbſt in furchtbarem, unbeſchreiblichem Kampfe. Die Engel rings⸗ um laſſen ab vom Streit und ziehen ſich erwartungsvoll zurück. Es war, um Großes mit Kleinem zu vergleichen, als ob Krieg unter den Geſtirnen ausgebrochen wäre und zwei Planeten grimmig auf einander ſtürzten und ihre Sphären ſich verworren miſchten. Doch endlich ſiegte Michael. Sein Schwert durchdrang Satan's Schild und drang noch tief in deſſen rechte Seite. Zähneknirſchend wurde er von den Seinen zu⸗ rückgebracht, zum erſtenmal fühlte er da, was Schmerz iſt. Die Nacht brach herein und endigte den Kampf, in dem die Mächtigſten der empörten Engel gebändigt worden waren. Doch in der Ruhe der Nacht erho⸗ ben ſie ſich wieder, denn die Wunden der Engel heilen ſchnell, da ſie in jedem Körpertheil die feinſte Lebenskraft tragen.

Dichte Wolkenſchatten hüllen das Schlachtfeld ein und tiefe Ruhe ſenkt ſich herab. Die Feinde haben das Feld geräumt, aber ſie ſind noch nicht gedemüthigt, ſondern ſinnen auf neuen Kampf. Haben ſie der Macht des Himmels einen Tag lang widerſtanden, warum nicht länger, warum können ſie nicht noch den Sieg erlangen, zumal da Satan ein Mittel erſinnt, das dem Blitz und Donner entgegenzuſtellen wäre. Nach ſeiner Angabe durchwühlt ein Theil der Engel den Boden nach ſchwefel⸗ und ſalpeterreichem Schaum, und bildet ihn zu ſchwarzen Körnern, andere ſchaffen Kugeln und Geſchoß aus den verborgenen Erzadern, aber Alles geheim und behutſam..

Mit dieſer Hülfe ausgerüſtet, beginnen ſie den zweiten Schlachttag. Sobald ſich die Heere nahe ge⸗ nug ſind, öffnen ſich auf Satan's Befehl die Reihen ſeiner Krieger, und zugleich ſcheint der ganze Himmel in Glut zu ſtehen. Dann ſenkt ſich unter wildem Donner dichter Qualm und Rauch auf das Gefild, das von furchtbarem Eiſenhagel überſchüttet wird. Viele tauſend Engel ſinken, die Streiter Gottes können ſich gegen die Gewalt des Stoßes nicht halten, Niederlage und Flucht ſcheint ihnen ſicher und die Abtrünnigen triumphiren. Doch die überraſchten Engel wiſſen Rath, und ein Kampf beginnt, gegen den der wildeſte Krieg nur Kinderſpiel erſcheint. Feſte Berge reißen ſie aus ihrem Grund mitſammt den Felſen und Wäl⸗ dern und ſchleudern ſie gegen die Empörer, die nun ſchaarenweiſe hingeſtreckt werden. Doch ſie antworten bald mit gleicher Waffe, und die Heere kämpfen in ſchrecklicher Beſchattung.

Furchtbar häuft ſich Verwirrung auf Verwirrung. Der Dinge Weſen nicht erwogen hätte, Der ganze Himmel wär' zu Grund gegangen, Und dieſen Sturm abſichtlich zugelaſſen, Mit Trümmern überſäet, wenn der Allmächtige, Um den geſalbten Sohn recht zu verklären.

Der in dem Heiligthum des Himmels thront,