— 29—
Satan hat unterdeſſen ſeinen Weg gefunden. Der Erzengel Uriel, der in tiefes Sinnen verſenkt als Hüter die neugeſchaffene Welt bewacht, hat ihm, der als demüthiger Engel genaht war, ſelbſt den Weg zu Eden gezeigt, das ſich im vierten Geſang ſeinen erſtaunten und geblendeten Blicken in einer Herrlichkeit dar⸗ bietet, wie er ſie nicht geahnt hatte. Vor Allem iſt es aber das Menſchenpaar ſelbſt, deſſen Glück und Unſchuld ihn feſſelt und ſeinen Neid erregt. Ungeſehen naht er ſich ihm und lauſcht den lieblichen Worten, mit denen ſich die erſten Menſchen unterhalten. Es iſt eine Idylle von wunderbarer Anmuth, wie Eva von dem Tag erzählt, da ſie wie aus langem Schlaf erwachend, ſich zuerſt gefunden, wie ſie ſtaunend und ſehn⸗ ſuchtsvoll im klaren Bach ein ihr gleiches Weſen geſehen habe und erſt durch eine höhere Stimme zu Adam geleitet worden ſei.
Beim Anblick ihrer reinen, innigen Liebe muß ſich der Teufel abwenden; doch er hat genug gehört, er weiß, daß es ihnen verboten iſt, vom Baum der Erkenntniß zu koſten und darauf gründet er ſeinen Plan.
„Lebwohl indeß, du ſtill beglücktes Paar! Genieße, bis ich kehre, kurze Luſt, Denn langes Weh wird auf die Fteude folgen.“
Nur zu raſch erfüllen ſich dieſe Drohworte. Der Abend kommt und die Dämmerung hüllt die Erde in ihr düſteres Gewand. Alles geht zur Ruhe, nur die Nachtigall ſingt durch das Dunkel ihr zärtlich Lied. Da gedenkt auch das Menſchenpaar des Schlafes. Adam bezeichnet die Aufgabe, die ihnen der folgende Tag bringe und Eva ſtimmt gerne bei. Ihr Glück und ihr Ruhm beſteht in der Hingabe an ihn, an deſſen Seite ſie die Zeit vergißt.
Süß iſt des Morgens Hauch und ſüß ſein Kommen Noch auch die Sonne, wenn ſie dem Gefild
Mit ſeiner frühen Vögel Zauberſang. Die Strahlen ſchenkt, noch Blumen thaubenetzt, Hold iſt die Sonne, wenn ſie aufs Geſild Sammt Bäum' und Früchten, noch der ſüße Duft Zuerſt die rothen Morgenſtrahlen wirft, Nach Regen, noch des Abends holde Milde,
Auf Blumen, Frücht' und Bäume thaubeglänzt. Noch auch die ſtille Nacht mit Nachtigallen, Süßduftend iſt der Boden nach dem Regen, Noch auch ein Gang im ſanften Mondenlicht Süß auch des ſanften Abends holdes Nahn, Noch auch des Stexnenlichtes blaſſer Schimmer Und dann die ſtille Nacht mit Nachtigallen Iſt ſüß und lieblich ohne dich, Geliebter!
Und ihrem ſchönen Mond, dem Sternenheer. Doch warum ſcheinen Sterne ſelbſt zu Nacht, Doch weder Morgenhauch, wenn ſanſt er kühlt Da doch der, Schlaf die Augen Aller ſchließt?“
Bei früher Vögel zauberhaftem Sang,
So gehen ſie nach zärtlichem Wechſelgeſpräch zur Ruhe. Aber als giftige Kröte dem Ohr Eva's ſich nähernd, verſucht Satan die Phantaſie der Schlafenden zu befangen und haucht ihr unruhige Gedanken, eitles Hoffen, ſchnöde Gier und Luſt ein. Zu ſpät wird er von Gabriel und ſeiner Engelſchaar, die Eden bewachen, entdeckt und verſcheucht. Der fünfte Geſang zeigt ſchon die erſten Folgen. Eva erwacht mit glü⸗ henden Wangen, erhitzt erzählt ſie von dem Traum dieſer Nacht, wie ein Engel ihr die Frucht vom Baum der Erkenntniß zu koſten gegeben habe. Es gelingt Adam, ſie zu tröſten und zu erheitern und beide gehen zu ihrem leichten Tagewerk. Doch nicht ungewarnt ſoll ihnen die Stunde der Verſuchung nahen. Raphael, der freundliche Engel und Schutzeiſt des menſchlichen Geſchlechts, wird von Gott geſandt, die Menſchen noch einmal zu ſtärken und zu ermahnen. Er ſchwingt ſich herab, begrüßt das Paar und wird von dieſem ehrerbietig aufgenommen und bewirthet, denn alle Erſchaffenen, auch die Engel, bedürfen der Nahrung, nur daß dieſe ihre leichte Koſt in Licht verwandeln. Nach dem Mahle ſchärft der Engel Adam nochmals Ge⸗ horſam gegen Gott ein und führt den ſchrecklichen Fall der empörten Engel als warnendes Beiſpiel an. Somit iſt die Gelegenheit zu ausführlicher Darſtellung jenes Kampfes gegeben. Adam bittet Raphael, ihm genauer zu erzählen, was er bis jetzt immer nur in dunkeln Andeutungen gehört habe, und dieſer willigt ein, indem er für das, was dem menſchlichen Verſtand zu hoch iſt, irdiſche Bilder nehmen will.
Die Empörung der Engel begann damals, als Gott das Strahlenheer der Geſchaffenen um ſeinen Thron verſammelte und Chriſtum, ſeinen eingebornen Sohn, zum Haupt und König aller himmliſchen Heerſchaaren erklärte. Die Himmel ſelbſt beugten ſich vor dem Willen des Herrn, nur Einer nicht, deſſen himmliſcher Name ſeitdem getilgt iſt und der nur noch Satan genannt wird. Dieſer hielt ſich für entehrt, ſein Stolz war verletzt und in der Stille der Nacht zog er mit ſeinem ganzen Heer anbetungslos weg nach


