Aufsatz 
Studien über John Milton's poetische Werke / Ferdinand Lotheissen
Entstehung
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ziehen ſich in die Stille zurück und ſingen dort zu dem Klang der Harfe in Engeltönen die eignen Heldenthaten und die Klage über ihren Sturz, daß freie Tugend der Gewalt erliege. Doch Geſang bezau⸗ bert nur den Sinn, ein ſchönes Wort den Geiſt und ſo ſitzen noch Andere in erhabenem Denken und reden in lieblichen Geſprächen über Vorſehung und Wiſſen, Schickſal und Vorherbeſtimmung, Glück und Elend, Ruhm und Schmach, und ſuchen ſich ſo das Herz zur Geduld zu erſtarren.

Der Gegner Gottes und der Menſchen hat ſich aber unterdeſſen mit raſchen Flügeln bis an die neun⸗ fachen Pforten der Hölle geſchwungen. Dort ſitzen als Wächter die Sünde und der Tod. Die Sünde wird geſchildert als

ein reizend Weib⸗ Bis an den Leib, doch endete ſie häßlich In vielen ſchupp'gen weitgewundnen Ringen Als eine Schlange mit dem Todesſtachel.

Wie einſt Pallas dem Kopf des Zeus, ſo iſt ſie im Himmel dem Kopfe Satan's entſprungen und hat ihm den Tod geboren, der ohne Glieder und Geſtalt, nur Schatten ſcheint, ſchwarz wie die Nacht und grimmig wie zehn Furien. Ein Kampf droht ſich zwiſchen ihnen zu entſpinnen, bis die Sünde den Vater erkennt und dieſer dem Tod eine reiche Aernte in jener neugeſchaffenen Welt verſpricht. Gegen Gottes Befehl erſchließt dann jene die Höllenthore, welche mit dumpfem Donner weit auffliegen, ſo daß ein Heer mit ausgedehnten Flügeln durchziehen könnte, und ſich nun nicht wieder ſchließen.

Vor ihre Augen treten nun der Tiefe Und ewige Nacht, Urahnen der Natur Geheimniſſe, das dunkle ewige Meer, Geſetzlos herrſchen, mitten in dem Lärmen Das gränzenlos und ohne Länge, Breite Des Kampfes durch Verwirrung ſich erhalten.

und Höh und Zeit und Raum ſich dehnt, wo Chaos

Muthig ſtürzt ſich Satan in das Gewühl, bis er nach unermeſſenen Schrecken ein wildes Getöſe ver⸗ worrener Stimmen hört.

Da plötzlich ſieht Die Theilerin ſeines Reichs und dabei ſtanden Er jenen Thron des Chaos und das Zelt Orkus und Hades und das Schreckensbild Das dunkel über oͤder Tiefe gähnt. Von Demogorgon. Zufall und Gerücht, Bei ihm ſaß auf dem Thron in ſchwarzem Kleid Aufruhr, Verwirrung ſtanden um ſie her.

Die Nacht, das älteſte von allen Dingen,

Die Schilderung des Chaos, die Reden Satans und die Entgegnungen des ſtammelnden Herrſchers

ſind großartig. Satan wird über den nächſten Weg zur Lichtwelt bedeutet und in verfluchter Stunde eilt er dahin.

Mit dem Beginn des dritten Geſanges athmen wir mit dem Dichter förmlich auf, daß wir, dem ſtygiſchen Pfuhl entronnen, wieder das heilige Licht, das erſtgeborene Kind des Himmels, begrüßen dürfen.

Dort, in ewiger Glorie thront der Herr, der Alles überſieht und erkennt. Auch Satans Nahen bleibt ihm nicht unbemerkt, und zu Chriſtus ſich wendend, verkündigt er ihm den Fall der Menſchen, denn ſie haben die Kraft zu ſtehen, doch auch die Freiheit zu fallen. So werden ſie den Tod verdienen, aber vor Allem ſoll die Gnade ſtets im hellſten Licht erſtrahlen und noch einmal ſoll ihnen verziehen werden, wenn ſich ein Mittler findet, der um der Gerechtigkeit Genüge zu thun, die Strafe auf ſich nimmt.

Doch der ganze Himmel ſchweigt, kein Engel iſt ſtark genug zu ſolcher Hingebung. Nur Gottes Sohn erbietet ſich in ſeiner unendlichen Liebe, freiwillig ſeine Glorie zu verlaſſen und die ganze Rache des Todes zu erdulden. Gnädig nimmt Gott dieſes Opfer an, aber er will ihn dafür zum König der Könige und zum Herrn des Gerichts erhöhen.

Deinem Wort Nach ſchweren Mühn die goldne Zeit erkennen, Wird ſich dann Alles beugen, und die Hölle, Fruchtbare Tage ziehn aus goldner That, Wenn ſie gefüllt, wird ewig dann ſich ſchließen. In Freude, Lieb und Wahrheit triumphirend. Die Welt wird ſich in Flammenglut verzehren, Dann legſt du nieder deinen Königsſcepter Doch aus der Aſche werden Erd' und Himmel Denn nöthig iſt der Herrſcherſtab nicht mehr,

Aufs Neu erſtehn, wo die Gerechten wohuen, Gott wird ja Alles dann in Allem ſein.