Aufsatz 
Studien über John Milton's poetische Werke / Ferdinand Lotheissen
Entstehung
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des Gedichts, ſowie der Umſtand, daß der Verfaſſer blind iſt, auf die Haltung und das Colorit deſſelben. Das Werk wird daher immer einzig bleiben, und wie geſagt, ſo viel ihm auch an Kunſt abgehen mag, ſo ſehr wird die Natur dabei triumphiren.

Wir wollen Goethe's Gründe zu dieſem Urtheil nicht genauer unterſuchen, da der Schlußſatz zu be⸗ weiſen ſcheint, daß er, der das Buch nur zufällig in ſeine Hände genommen, in ſeinem Urtheil ſchwankend war, wir wollen kein Gewicht darauf legen, daß wir einen Privatbrief vor uns haben, in dem man die Worte nicht immer abwägt, wir wollen auch nicht die damalige Stimmung der Zeit und Goethe's ſelbſt, der Pietismus und Revolution in dem Gedicht gefürchtet zu haben ſcheint, hervorheben, ſondern nur das Urtheil eines Mannes entgegenſtellen, der, was geiſtige Schärfe und Klarheit, was feinen poetiſchen Geſchmack be⸗ trifft, getroſt neben Göthe geſtellt werden kann, das Urtheil Leſſings, der in ſeinem Laokoon im vierzehnten Abſchnitt das Verlorene Paradies als die erſte Epopoe nach Homer hervorhebt und ſie zur weiteren Ausfüh⸗ rung ſeiner Behauptungen benutzt. Umgekehrt wie bei Klopſtock, wird man Milton um ſo lieber gewinnen, je vertrauter man mit ihm wird.

Goethe's obenerwähnter Ausſpruch, dasVerlorene Paradies ſei ein bloßer Erguß der Natur, ſchließt genau betrachtet das größte Lob in ſich. Milton müßte darnach eine durchaus geniale Natur wie Homer geweſen ſein, die das Richtige ohne Mühe und Arbeit trifft. Doch ein tieferes Eingehen in das Gedicht zeigt, daß es ein Werk der höchſten Kunſt iſt, die ſich zunächſt in der vorzüglichen Anlage und dem knap⸗ pen ſicheren Plan des Ganzen bewährt.

Wie in der Odyſſee verſetzt uns der Beginn ſchon nahe an die Cataſtrophe und die früheren Bege⸗ benheiten werden als Epiſoden eingeſchoben. Der Dichter beginnt alſo im erſten Geſang nicht mit dem Auf⸗ ſtand der Engel oder der Schöpfung der Welt, ſondern führt uns gleich mitten in die Entwickelung, die unſer ganzes Intereſſe in Anſpruch nimmt. Nach einer kurzen Bitte an die himmliſche Muſe, die erſte Schuld des Menſchen zu ſingen, die den Tod in die Welt gebracht, weiß der Dichter mit einer meiſterhaften Wendung gleich in den vollen Strom der Erzählung einzulenken. Es iſt das furchtbare Gebiet der Hölle, das ſich vor uns aufthut. Satan, bisher der erhabenſte und mächtigſte Cherub des Himmels, hatte ſich mit ſeinem Heer gegen den Herrn erhoben. Ein furchtbarer Kampf mit den treugebliebenen Engeln hatte die ganze Schöpfung erbeben machen, bis endlich Gott ſeine Macht enthüllte und die Feinde aus dem Himmel in den gähnenden Abgrund ſtürzte.

Des Allerhöchſten Macht Stieß häuptlings ihn aus den äther'ſchen Höhn Furchtbaren Sturzes gluthentflammt hinab Zum bodenloſen Abgrund.

Dort liegen ſie, neun Tage und neun Nächte, im Pfuhl der Flammen, erſtarrt und beſinnungslos. Mit dieſer Schilderung der Gefallenen beginnt das erſte Buch. Die Schrecken des Kampfes und göttlichen Sieges ſind vorüber. Die Blitze ruhen, der feurige Hagelſturm hat ſich gelegt und der Donner brüllt nicht mehr durch den endlos öden Schlund. Der Schrecken ſcheint noch in jedem Wort des Dichters nachzubeben und die wenigen Andeutungen über die furchtbare Vergangenheit machen durch ihr ſchauerliches Halbdunkel mehr Eindruck als die ſpäter folgenden genauen Beſchreibungen. Endlich ermannt ſich Satan. Mit einem Blick überſieht er das Verhängniß, das ihn und ſeine Schaaren betroffen hat, aber trotz aller Schmerzen und Qualen, die ihm mehr noch als aus der Pein des Feuers aus der Erinnerung an die verſcherzte Zeit des Glückes und Glanzes eniſtehen, beharrt ſein trotziger Sinn auf Krieg und Feindſchaft gegen Gott.

Ob das Schlachtfeld auch verloren, Iſt doch nicht Alles hin; der Wille nicht, Der unbeſiegbar, nicht der Rache Durſt, Der ewige Haß und Muth, ſich nie zu beugen.

So redet er Beelzebub an, der ihm an Macht und Anſehen der nächſte iſt, raff ſich dann aus dem furchtbaren Feuermeer auf und eilt nach dem feſten Land,

wenn Land es war, Wo immerfort ein feſtes Feuer glühte,