Sein Leichnam wurde neben dem Grab ſeines Vaters im Chor der Kirche St. Giles bei Cripplegate unter großer Theilnahme von Seiten des Volkes beigeſetzt. Doch mit ſeinem Tode ſtarb die Eiferſucht und Feindſchaft gegen ihn nicht aus. Viele Jahre ſpäter duldete der zelotiſche Decan von Weſtminſter nicht, daß in einer Inſchrift an dem Monument eines Andern nur der Name Miltons erwähnt wurde, weil das eine Entweihung der Kirche ſei, und erſt 1737 wurde ihm daſelbſt ein Denkmal errichtet. Ja noch ſpäter durfte ein literariſcher Freibeuter es wagen, Milton's Ehrlichkeit anzugreifen und ihn des Plagiats und groß⸗ artig getriebenen Diebſtahls zu zeihen. Dies zu beweiſen, brachte er eine Menge gleichzeitiger, faſt ganz verſchollener Gedichte, darunter einen„Adamus“ von Hugo Grotius, zum Vorſchein, welche Milton über⸗ ſetzt haben ſollte. Um aber dieſen Vorwurf rechtfertigen zu können, hatte der Betrüger ganze Stellen aus einer alten lateiniſchen Ueberſetzung des„Verlorenen Paradieſes“ erſt in jene älteren Gedichte eingereiht.
Milton's Familie gerieth bald in eine trübe Lage. Bei ſeinen geringen Bedürfniſſen hatte der Dichter wohl ſein Auskommen gehabt, doch war er nicht reich geſtorben. Seiner Wittwe einiges Vermögen zu hin⸗ terlaſſen, hatte er nicht lange vorher ſeine ſchöne Bibliothek verkauft.
Die beiden älteſten Töchter ſtarben ziemlich früh, ſeine Wittwe erſt 1724. Debora, die jüngſte Tochter, hatte viele Kinder, die verſchollen und verkommen ſind. Eines derſelben, eine verheirathete Tochter, hatte in London einen Krämerladen und lebte in ſo elenden Verhältniſſen, daß 1750 ihres Großvaters Luſtſpiel „Comus“ zu ihrem Vortheil gegeben wurde.
Ein epiſches Gedicht, das ſich ſchon durch ſeinen Gegenſtand dem Verſtändniß der Menge entzieht, das nicht Helden und Heldenthaten dieſer Erde ſchildert, das nicht das Menſchenherz und deſſen Welt mit ſeinen Gefühlen der Freude und des Schmerzes, der Liebe und des Haſſes allein beſingt, ſonderu auch Ueberirdiſches, Gott und die Myſterien einer höheren Weltordnung in das Bereich ſeines verherrlichenden Geſanges zieht, ein ſolches Gedicht kann nicht populär werden. So allgemein verſtändlich und zum Herzen dringend die Religion ſelbſt iſt, ſo ſchwer und unzugänglich ſind für gar Viele die Ideen und Bilder, mit denen eine religiös poetiſche Dichtung Das darzuſtellen ſucht, was uns weiſe verhüllt iſt. Gar Man⸗ chem erſcheint auch der Gegenſtand als ſolcher nicht geeignet für größere dichteriſche Schöpfungen. Man ſollte über dieſe Frage kaum noch ungewiß ſein, da zwei der größten Dichter, Dante und Milton, ſie ſchla⸗ gend genug beantwortet haben. Auch wird in Italien und England wohl Niemand an der Berechtigung eines ſolchen Stoffes zweifeln. Wohl aber hat ſich in Deutſchland ein Vorurtheil gegen Dichtungen dieſer Art gebildet, weil grade einer der bedeutendſten Männer unſerer Literatur, Klopſtock, an dieſer Aufgabe ge⸗ ſcheitert iſt. Denn bei aller Anerkennung, die wir Klopſtocks Talenten und ſeinen Verdienſten um die Er⸗ weckung nationalen Sinns, um die Belebung und Bildung der Sprache gerne zollen, müſſen wir doch Leſſing beiſtimmen, der ſchon in frühen Jahren ein ſolches Urtheil geſprochen hat.*)
So mag auch auf Goethe's Urtheil die genauere Bekanntſchaft mit der Meſſiade nicht günſtig gewirkt haben. Er ſchrieb im Jahr 1799 an Schiller:„Milton's Verlorenes Paradies, das ich dieſer Tage zufällig in die Hand nahm, hat mir zu wunderbaren Betrachtungen Anlaß gegeben. Auch bei dieſem Gedicht, wie bei allen modernen Kunſtwerken, iſt es eigentlich das Individuum, das ſich dadurch manifeſtirt, welches das Intereſſe hervorbringt. Der Gegenſtand iſt abſcheulich, äußerlich ſcheinbar und innerlich wurmſtichig und hohl. Außer den wenigen natürlichen und energiſchen Motiven iſt eine ganze Partie loſer nnd falſcher, die einem wehe machen. Aber freilich iſt es ein intereſſanter Mann, der ſpricht; man kann ihm Charakter, Ge⸗ fühl, Verſtand, Kenntniſſe, dichteriſche und redneriſche Anlagen und ſonſt noch mancherlei Gutes nicht ab⸗ ſprechen. Ja, der ſeltſam einzige Fall, daß er ſich als verunglückter Revolutionär beſſer in die Rolle des Teufels als des Engels zu ſchicken weiß, hat einen großen Einfluß auf die Zeichnung und Zuſammenſtellung
*) In ſeinen Sinngedichten ſagt er: Wer wird nicht einen Klopſtock loben? Wir wollen weniger erhoben Doch wird ihn Jeder leſen?— Nein. Und eifriger geleſen ſein. Und bezeichnend genug iſt es, daß man nirgends auch nur eine Andeutung über ein Verhältniß zwiſchen Leſſing und Klopſtock findet, obwohl Gelegenheit genug dazu geboten geweſen wäre. 4


