Aufsatz 
Studien über John Milton's poetische Werke / Ferdinand Lotheissen
Entstehung
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Die Hülfe, die er ſich von der himmliſchen Göttin erflehte, ward ihm wirklich zu Theil, denn in nächtlichen Träumen beſchäftigte ihn ſein Gedicht, und ſie gaben ihm die Förderung und Löſung, die er oft des Tags vergebens ſuchte. Darum feiert er dieſehimmliſch hohe Gönnerin,

Die ungebeten oft mich Nachts beſucht Und mir im Schlummer hohe Weiſen füüſtert Und unvorherbedachte Verſe leiht.*)

Ueber das Gedicht ſelbſt und deſſen poetiſche Bedeutung wollen wir weiter unten ausführlicher reden. Durch den Druck wurde es erſt 1667 veröffentlicht und trug nicht zur Bereicherung des Dichters bei. Mil⸗ ton hat einmal geäußert, er ſei um ein Menſchenalter zu ſpät geboren, und die Wahrheit dieſes Satzes bewies ſich damals recht ſchlagend. Die Zeit Karl's II. ergötzte ſich an den zierlichen glatten Verſen Dry⸗ den's und noch mehr an den verwilderten und über alle Maßen lüderlichen und ausgelaſſenen Luſtſpielen eines Wicherley und Congreve. Der Rückſchlag gegen die Strenge der früheren Zeit war eingetreten, die Verhöhnung der Puritaner als Heuchler und täppiſche Dummköpfe an der Tagesordnung. Das Lieblings⸗ buch des Hofes und der großen Mehrheit des Volkes war damals Samuel Butler'sHudibras, jene ge⸗ niale Carricatur puritaniſchen Zelotenthum's.**) Das verlorene Paradies konnte kaum zu einer ungünſtigeren Zeit kommen. Der Buchhändler kaufte es für fünf Pfund Sterling dem Dichter ab und verſprach für jede etwa folgende Auflage abermals ſoviel, ein Honorar, das man in dem reichen England nicht erwarten ſollte. Auch mit der Cenſur hatte Milton Schwierigkeiten, die unter Anderem auch Verrätherei in dem Gedicht witterte, weil Satan mit der Sonne verglichen wird, die in düſterer Verdunklung hinterm Mond ein Zwielicht auf die Erde wirft und die Könige mit Furcht vor Wechſel bedroht.

Nachdem aber alle dieſe Schwierigkeiten überwunden waren, bahnte ſich das Werk doch verhältnißmä⸗ ßig raſch ſeinen Weg. Dryden bekannte ſich offen für beſiegt, als er es zuerſt las und die erſte Auflage von dreizehnhundert Exemplaren war nach zwei Jahren vergriffen, was in jener Zeit, wo man wenig Bücher kaufte, viel heißen will.***) Indeſſen zur vollen Anerkennung kam Milton erſt nach ſeinem Tode, ja Addiſon war eigentlich der Erſte, der die wahre Bedeutung des Dichters verſtand und die Engländer über den Werth deſſelben in ſeinemSpectator aufklärte.

Die letzten Jahre des Dichters waren mit derſelben Thätigkeit hingebracht, wie die früheren, und ſeine poetiſche Kraft zeigte ſich am kräftigſten und reichſten in einem Alter, da Andere zu ſchweigen beginnen. Ein junger Quäcker, John Ellwood, der eine Autobiographie hinterlaſſen hat, aus der manche intereſſante Notiz über Milton zu entnehmen iſt, kam in den letzten Jahren faſt täglich zu ihm, las ihm vor, beſonders rö⸗ miſche Schriftſteller und Dichter, und wurde durch ihn unermüdlich belehrt. Ellwood verdanken wir auch den Anſtoß zu demWiedergewonnenen Paradies. Milton hatte ihm das Manuſcript ſeines großen Ge⸗ dichts zum Leſen gegeben, und Ellwood brachte es ſehr gerührt zurück.Du haſt viel vom verlorenen Pa⸗ radies geredet, ſagte er,was kannſt du denn vom wiedergewonnenen erzählen? Milton entgegnete nichts, aber nach einiger Zeit überreichte er Ellwood die vier Geſänge ſeinesWiedergewonnenen Para⸗ dieſes, das er noch höher als ſein erſteres Werk geſchätzt haben ſoll.

*) P. L. IX, 22. Ob Satan hochdeutſch mit ihr ſprach, **) Von Hudibras heißt es im 1. Geſang: Ob Eva einen Nabel trug, In welchem Land das Paradies Wer mit dem Hammer Noten ſchlug, Einſt prangte, wußt er ganz gewiß, Ob einſt die Schlang in Adam's Falle Und malte juſt am Wendekreis Vier Füß gehabt nebſt Klau und Kralle: Euch hell dar ſeine Form und Weis', Das pflag er ohne Commentar Was Adam träumend hat gedacht Und Gloſſen ganz unnachahmbar Als ihm in einer Sommernacht In hohlem Bauchton vorzutragen, Sein Weiblein aus den Rippen brach; Als ſtecke ihm das Maul im Magen.

Siehe Eiſelein's Ueberſetzung des Hudibras, der übrigens wohl irrt, wenn er eine Anſpielung auf Milton in dieſer Stelle ſieht, da der erſte Theil des Hudibras ſchon 1663 im Druck erſchienen iſt. ***) Vergl. Johnson, life of M. pag. 89 ed. Tauchnitz.