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des Vaters und dem Mangel mütterlicher Sorge gewiß nur ſehr mangelhaft geweſen ſein und in den letzten Jahren ſeines Lebens entſchlüpften dem Greis zu Zeiten bittere Klagen über die Behandlung, die ihm zu Theil wurde. Den einzigen Troſt fand er daher nur in dem regen geiſtigen Leben ſeines Innern.
So nahm er denn in ſeiner Muße und Abgeſchiedenheit das Werk, das er ſchon vor mehreren Jahren begonnen, mit beſonderem Eifer vor, ſein unſterbliches Gedicht,„Das verlorene Paradies“. Nach der Er⸗ zählung ſeines Neffen Philips hat Milton den Gegenſtand Anfangs als Tragödie behandeln wollen. Auch findet man unter ſeinen Papieren, in dem Manuſcript des Gedichts, das jetzt im Beſitz der Bibliothek des Trinity⸗Collegs in Cambridge iſt, noch Entwürfe und Pläne dazu. Ja, man bezeichnet noch einzelne Stel⸗ len, die urſprünglich dramatiſch gedichtet, ſpäter in das Gedicht eingereiht worden ſind. So ſollte das Stück mit der wilden Anrede Satans an die Sonne, als einem großartigen Monolog beginnen, der jetzt im Beginn des vierten Geſanges ſteht. Der Gedanke eines Drama's knüpft ſich eng an die früheren Ideen und Erlebniſſe in Italien. Allein ſein Sinn hatte ſich allmählig geändert. Zwar hatten ihn die Erfah⸗ rungen über die menſchliche Schwäche und Unbeſtändigkeit, ſowie ſein eignes, ſchweres Leiden nicht verbit⸗ tert, denn noch bis zum letzten Athemzug war er voll Liebe und Intereſſe für die Geſchicke ſeines Landes und die Entwickelung der menſchlichen Cultur, aber die Anſichten ſeiner Jugend und ſeines Mannes⸗ alters waren doch in vielen Punkten nicht mehr dieſelben. Die ganze Literatur ſeiner Zeit, beſonders die Bühne mit ihrer Frechheit, war ihm fremd geworden. Er fühlte ſich einſam auch in ſeinem Geſchmack und ſeiner Richtung, erhaben über das kleinliche Modetreiben der Reſtauration. Und ebenſowenig konnte er
mit den Grundſätzen, die ihn ſtets geleitet hatten, die öden Rittergedichte, die Helden und Turniere der feudalen Romantik lieben.
„Nimmer mocht ich ja Von Truchſeß und von Seneſchall umgeben, Blutreiche Schlacht beſingen, die bisher Von nichtigen Dingen, ſonder Kunſtgeſchick, Als einz'ger Stoff des Heldenliedes galt, Die nicht mit Recht dem Ritter und dem Lied Deß höchſte Kunſt es war, in langgedehnten Den heldenmüthig hohen Namen leihn. Gefechten fabelhafte Rittersleute Mir, der ich nicht für ſolchen Sang geſchaffen, Dahin zu ſchmettern, während jener Muth Verbleibt ein größrer Stoff, der ſchon durch ſich Des Märterthums und der Geduld von Keinem Den Namen des Heroiſchen erreicht, Beſungen ward; es galt allein Turniere, Wenn nicht das Alter und zu rauhe Luft Wettſpiele zu erheben, Schild und Wappen, Die ausgeſpannten Schwingen niederdrückte. Sinnbilder, Roſſ' und goldgewirkte Decken, Und wohl geſchäh' dies, wär' dies Alles mein, Pomphaft geſchmückte Ritter in der Bahn. Nicht ihr, die's nächtlich mir in's ſtille Ohr gehaucht.“*)
Auch ſang man noch von fürſtlich hohem Mahl,
Von ſolchen Ideen bewegt, ging er vom Drama zum Epos über, und vollendete dieſes Werk, das er„lang bedacht und ſpät begonnen“ in den nächſten Jahren bis 1665. Wir müſſen dabei über die ge⸗ waltige Geiſteskraft des Mannes ſtaunen, der bei allen ſeinen Leiden und Hinderniſſen, blind und von der Gicht gepeinigt, doch die ganze Dichtung bis in ſeine Einzelnheiten zu beherrſchen wußte, welcher von dem vorgezeichneten Plan nicht abirrte, ſondern den einmal betretenen Pfad ſicher fortzuwandeln wußte. Was ihm ſeine Muſe eingab, mußte er diktiren, ſich dabei auf das Schreibende verlaſſen und unter dieſen Um⸗
ſtänden auch auf eine ſorgfältige Feile verzichten.**) Dennoch verlor er den Muth nicht.„Ich ſinge“, ſagt er
— nicht heiſer oder ſtumm, Denn du umſchwebſt ja meinen Schlummer Nachts Obwohl in böſen Tagen jetzt ertönend Und wann der Oſt den Morgen purpur färbt. Und unter böſen, läſtervollen Zungen, O leite du mein Lied, Urania, In Dunkelheit, umgeben von Gefahr, Und gib mir würd'ge Hörer, wenn auch wenige.***)
In Einſamkeit und dennoch nicht allein,
*) P. L. IX, 27,
**) In einem Brief an Heimbach in Brandenburg aus dem Jahre 1666 bittet er um Entſchuldigung für etwaige Fehler, denn
er müſſe einem Knaben diktiren, der kein Lateiniſch verſtehe und dem er jede einzelne Silbe wiederholen müſſe. *2*) P. L. VII, 25.


