Aufsatz 
Studien über John Milton's poetische Werke / Ferdinand Lotheissen
Entstehung
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wie ſie kein anderes Menſchenantlitz verklären. Doch als ſie ſich zu ihm beugte, ihn zu umarmen, erwachte er, das Bild entflohund der Tag brachte mir meine Nacht zurück.*)

Ueberhaupt iſt die leider nur zu geringe Anzahl von Sonnetten, womit er die bedeutendſten Momente ſeines Lebens begleitete, ein höchſt intereſſanter Beitrag zu ſeiner Würdigung als Dichter und Menſch. Von dem Sonnet an ſeinem dreiundzwanzigſten Geburtstag bis zu der Klage um die Theure, über der ſich das Grab für immer geſchloſſen hat, zieht ſich eine Reihe der kräftigſten und edelſten Betrachtungen, die Macau⸗ ley nicht mit Unrecht den Aufzeichnungen eines Tagebuchs verglichen hat. Ein Sieg, ein Angriff der Feinde auf die City, der Eindruck ſeiner Schriften, Freude und Trauer ſind die Themata dieſer herrlichen Dich⸗ tungen, welche ſich durch die Innigkeit der Empfindung, die Einfachheit und Kraft der Darſtellung aus⸗ zeichnen.

Milton blieb, wie ſchon geſagt, trotz ſeiner Blindheit im Amt und war nicht nur dafür thätig, ſon⸗ dern ſetzte auch mit Hülfe eines Vorleſers ſeine ſonſtigen Studien und Beſchäftigungen eifrig fort. Schwach und blind aber, wie er war, vermißte er ſchmerzlich vertraute Liebe und Unterſtützung, zumal als bald nach Oliver Cromwell's Tod die Reſtauration erfolgte und König Karl II. ſeinen triumphirenden Ein⸗ zug in London hielt. Milton, wenige Wochen vorher ſeines Amtes entlaſſen, ſah ſich bedroht und hielt ſich bei einem Freunde in der Nähe von London verborgen. Seine beiden Bücher defensio pro populo Anglicano und Ikonoklaſtes wurden öffentlich vom Henker verbrannt und ein Verhaftsbefehl gegen den Ver⸗ faſſer derſelben erlaſſen. Gleich darauf aber beſchloß das Parlament eine allgemeine Amneſtie, von der nur zwanzig Perſonen ausgenommen waren, und der blinde Flüchtling konnte wieder ſicher in London erſchei⸗ nen. An dieſe Rettung Miltons knüpft ſich eine romantiſche Erzählung. Sir William Davenant, ein eifriger Royaliſt und ſpäter der gekrönte Poet Karl's II. war 1650 auf die Inſel Wight und ſpäter in den Tower nach London zu ſeiner Verurtheilung gebracht worden und ſein Leben war ſehr gefährdet. Milton's Verwendung verſchaffte ihm die Freiheit und aus Dankbarkeit, um Leben mit Leben zu bezahlen, ſoll Dave⸗ nant durch ſeinen Einfluß beim König den Pardon für ſeinen Retter ausgewirkt haben.

Eine dritte Ehe, zu der ſich Milton bewegen ließ, ſollte ihm ſeinen Zuſtand erleichtern, den er in der

ſchönen, wunderbar ergreifenden Stelle ſeinesVerlorenen Paradieſes ſchildert.**) Er gedenkt dort Homers und der berühmten Männer des Alterthums, die gleiches Loos der Blindheit mit ihm trugen.

Dann nähr' ich von Gedanken mich, die willig Ganz abgetrennt vom Umgang froher Leute, Harmoniſche Verſe werden, wie im Dunkel und ſtatt des Buches herrlicher Erkenntniß Der wache Vogel unterm Schattenlaub Ward mir ein weißes Blatt nur vorgelegt. Den nächtlichen Geſang ertönen läßt. Die Werke der Natur ſind todt für mich,

Die Jahreszeiten kehren jedes Jahr, Der Weisheit Pforten gänzlich mir geſchloſſen, Mir aber kehrt der Tag nicht, noch der ſüße Drum ſcheine heller du, o himmliſch Licht, Anblick des Morgens und des Abends wieder; Im Innern mir, durchflamme jede Kraft

Die Schönheit nicht der holden Frühlingsblumen, Des Geiſtes, pflanze dahinein die Augen

Die Sommerroſen und der Heerden nicht, Und reinige ſie von jedem Nebelflor

Noch auch das göttliche Geſicht der Menſchen. Daß ſolche Ding ich ſingen kann und ſchauen, Dafur umziehn mich Wolken ew'ger Nacht, Die unſichtbar dem ſterblichen Geſicht.

Im Jahre 1662 wurde er mit Eliſabeth Minſbull aus einer angeſehenen, aber wahrſcheinlich unbe⸗ mittelten Familie getraut. Doch ſein häusliches Glück ſollte nie ungetrübt ſein. Aus ſeiner erſten Ehe lebten ihm noch drei Töchter, von welchen die älteſte damals fünfzehn, die jüngſte neun Jahre zählte. Eine Ueberlieferung wirft ihnen ein hartes und unkindliches Benehmen gegen ihren Vater vor, den die jüngſte und von ihm am meiſten geliebte ſogar heimlich verließ. Die Erziehung der Kinder kann bei der Krankheit

*) Sonnet XXIII:;Her face was veil'd, vet to my fancied sight Love, sweetness, goodness, in her person shrind So clear, as in no face with more delight. But 0, as to embrace me she inclin'd, J walkd, she fled, and day brought back my night.

**) P. C. III, 3755.