Während Milton aber mit warmem Herzen die Entwickelung der politiſchen Geſchicke ſeines Vater⸗ landes verfolgte, war ſein eignes häusliches Leben von ſchweren Prüfungen nicht frei. Er vermählte ſich 1643 mit Marie Powell, der Tochter eines Friedensrichters zu Foreſthill, bei Shotover in Oxrfordſhire. Doch ruhte kein Segen auf dieſer Verbindung und der Bürgerkrieg, der ganz England in zwei feindſelige Parteien ſpaltete, der die Zwietracht ſelbſt in den Schooß der Familien trug, vernichtete auch das Glück unſeres Dichters. Die Familie Powell war ſtreng royaliſtiſch geſinnt und es iſt bis jetzt noch nicht erklärt, wie die Verbindung zu Stande kam. Keinenfalls war ſie paſſend. Schon wenige Wochen nach der Hochzeit verließ die junge Frau ihren Mann, ging für die Zeit der Sommermonate auf Beſuch zu ihrem Vater zurück und weigerte ſich, als der Herbſt kam, zu Milton zurückzukehren. Es war die Zeit, da König Karl's Sache am günſtig⸗ ſten ſtand, und die Ehe mit einem Anhänger des Parlaments der royaliſtiſchen Familie nun anders er⸗ ſchien, als wenige Monate zuvor. Andere Gründe für ihre Weigerung ſind wenigſtens nicht denkbar. Miltons zartfühlender Sinn fand ſich auf das Tiefſte gekränkt und ſein Selbſtgefühl war ſchwer verletzt. Nachdem alle Unterhandlungen fruchtlos geblieben waren, ſagte er ſich von ſeiner Gattin los, und die Frucht dieſer bitteren Erfahrungen war ſeine Schrift über Eheſcheidung, die 1644 erſchien und gleichfalls, wie die Areopagitica, dem Parlament gewidmet war. Milton verlangte darin, geſtützt auf Ausſprüche des alten und neuen Teſtamentes, größere Erleichterung der Eheſcheidung. Denn gegenſeitige Förderung und Unterſtützung ſei der Hauptzweck der Ehe, der demnach bei einem durch Charakterverſchiedenheit, Abneigung und Leiden⸗ ſchaftlichkeit unverträglichen Paare nicht erreicht werden könne. Das Buch iſt kein Werk frivolen Leichtſinns, dem der Verfaſſer ganz fremd war, vielmehr ſpricht ſich in jeder Zeile dieſer Abhandlung die erhabenſte Anſicht über die Bedeutung der Ehe aus und nirgends ſchöner, denn gerade hier zeigt ſich Milton's ideales Gefüblsleben. Auch das„Verlorene Paradies“ hat unübertrefflich ſchöne und innige Ausſprüche über Ehe und Liebe, und wir mögen daraus auf ſeine Empfindungen ſchließen, die ihn zu jener Zeit gequält haben mögen. Seine Schrift machte übrigens das größte Aufſehen, ſie wurde neu aufgelegt und zog ihm von Seiten der geiſtlichen Commiſſion eine Anklage vor dem Oberhaus zu, das ihn aber freiſprach.
Erſt als die Partei des Königs mehr und mehr zu unterliegen drohte, dachte die Familie Powell wieder an eine Ausſöhnung und erlangte dieſelbe durch eine Art von Theatercoup, indem Milton bei einem Beſuch, den er einem Verwandten abſtattete, plötzlich durch ſeine Gattin überraſcht wurde, die in das Zim⸗ mer ſtürzte und ihm reuig zu Füßen fiel. Milton wies ſie Anfangs ab, ließ ſich aber bald zur Verzeihung bewegen. Die berühmte Scene des„Verlorenen Paradieſes“, in der Adam's Streit und Verſöhnung ge⸗ ſchildert wird, betrachtet man als eine Darſtellung ſeines eignen Schickſals.
Milton's Vater war auch zu ihm nach London gezogen, da ihm der Landaufenthalt nicht mehr ſicher genug war und das geräumige Haus, das der Dichter für ſeine Familie und ſeine Schüler gemiethet hatte, füllte ſich bald noch mehr, als die Aeltern und Geſchwiſter ſeiner Frau, die ihn bisher ſo feindſelig behan⸗ delt hatten, zu ihm flüchteten und bei dem Sturz der Monarchie unter ſeinem Schutz und durch ſeine Ver⸗ mittelung gerettet wurden. Sein Vater ſtarb mitten in dieſer unruhigen Zeit, 1647, nachdem er ſich noch über eine kleine Enkelin hatte freuen können.—
Die einfache Erzählung dieſer häuslichen Ereigniſſe gibt ſchon eine genügende Erklärung, warum Milton für einige Jahre nichts veröffentlichte, ſondern ſich ganz ſeiner ruhigen Beſchäftigung und ſeinen Studien hingab. Dichteriſchen Werken war die Zeit abhold und die Muſe verſtummte unter dem Lärmen der inne⸗ ren Zwietracht. Die ſchöne Volksdichtung wie die leichte Hoſpoeſie der letzten Jahrzehnde verſchwand vor dem Ernſt des Lebens. Aber auch für politiſche Erörterungen war kein Raum, da ſich die Ereigniſſe über⸗ ſtürzten und die Begebenheiten ſtärker waren als die Menſchen. Erſt die Hinrichtung des Königs und die Gründung der Republik gaben einen Anhaltspunkt. Der Sturm hatte ausgetobt, nachdem ſo viele edle Opfer gefallen waren, Cromwell führte als Lord⸗Protector eine ruhigere Zeit herbei. Milton war mit der neuen Ordnung der Dinge einverſtanden und veröffentlichte zu ihrer Vertheidigung, insbeſondere zur Recht⸗ fertigung des Verfahrens gegen den König, eine Anzahl von Schriften, von denen die„Ueber das Recht der Könige und Obrigkeiten“,„Ikonoklaſtes“ und„Defensio pro populo Anglicano“ die bekannteſten ſind, und


