Aufsatz 
Renata von Este, Herzogin von Ferrara : ein Lebensbild aus der Reformationsgeschichte / Franz Bluemmer
Entstehung
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verdienten Schlagſchatten wirft und den der unparteiiſche Darſteller ihres Lebens auf ihr nicht darf ruhen laſſen. Denn welch einen Grad von Leidenſchaft ſetzt eine Abneigung voraus, die zu ſolcher Conſequenz zu treiben im Stande iſt! Wäre das nicht ein Widerſtreben, welches man Haß nennen müßte? Wie ſollte ſol⸗ cher Haß ein ſo edles Gemüth ergreifen?

Wahrhaftig, wenn wir uns die Lebensgeſchichte der hohen Frau noch einmal vergegenwärtigen, wenn wir erwägen, wie ſie von Stufe zu Stufe in der Erkenntniß der evangeliſchen Wahrheit zugenommen, bis der große Reformator ſie in demſelben bleibend beſtärkt; wenn wir uns ihr Bild vor Augen ſtellen, an dem wir auch nicht eine Schattenſeite gewahren, die zu einem harten Vorwurfe berechtigte, ſo müſſen wir es für ein unwürdiges Beginnen halten, ſie gegen jene Beſchuldigung des Haſſes vertheidigen zu wollen. Leſen wir nun aber gar die Berichte jener Schriftſteller über dieſelbe und erfahren wir, wie gerade ſie zum Preiſe ihres Edelmuthes, ihrer Hochherzigkeit, ihrer Milde und Sanftmuth nicht Worte genug finden können, ſo trauen wir kaum unſern Augen und wiſſen nicht, was wir von dieſem ihrem Widerſpruch, in welchen ſie mit ſich ſelber kommen, halten ſollen. Mit Bedauern können wir nicht anders ſagen, als daß ſie entweder von der Correktheit ihrer Kirche überzeugt ſich nicht denken können, daß Jemand aus einem andern Grunde, denn aus einem äußern oder perſönlichen dieſe zu verlaſſen im Stande ſei, oder daß ihnen der offizielle Takt dieſe Worte diktirt, der einer abſichtlichen Entſtellung der Wahrheit gleich kommt. In jedem dieſer bei⸗ den Fälle muß der Freund der Wahrheit beim Gebrauche ſolcher zweifelhaften Ausſagen auf ſeiner Hut ſein.

Fragen wir nun aber, was im vorliegenden Falle Wahres an dem Urtheile der beiden Berichterſtatter iſt, ſo werden wir das Richtige treffen, wenn wir zu den umſtändlich dargelegten Bekehrungsgründen Re⸗ nata's noch den perſönlichen hinzufügen, daß Papſt Julius II. ihrem Vater ſo vielen Kummer bereitet. Mancher möchte hier einzuwenden geneigt ſein, ſie hätte bei dem frühzeitigen Hinſterben ihrer Eltern wohl wenig von dieſen Kränkungen derſelben wahrgenommen; allein ſie konnte doch unläugbar ihre jugendlichen Erinnerungen durch ihre Verwandten, z. B. durch Margaretha von Valois ſich haben erneuern und defeſti⸗ gen laſſen. Auch ſolche perſönlichen Eindrücke dürfen bei der Geſchichte einer Seele nicht überſehen werden. Vielmehr lehrt die Erfahrung, daß der Herr durch ein äußeres Mißverhältniß, auf welches er den Menſchen ſtoßen läßt, oder durch einen empſindlichen Schlag, den er ſeiner Perſönlichkeit verſetzt, ihn oft mächtig hin⸗ drängt, die Dinge und ſich ſelbſt zu prüfen, und ihn ſo zur Erkenntniß der Wahrheit leitet. War dies auch bei der Herzogin der Fall, ſo erblicken wir darin ein neues wichtiges Moment ihrer Bekehrungsgeſchichte, welches wir nicht verſaͤumen, den bekannten beizufügen. Daß dasſelbe jedoch ſich in ihrem frommen Chri⸗ ſtenherzen jeder gemeinen und feindlichen Regung entkleidet, dafür bürgt der Adel ihres Gemüthes, der aus allen ihren Handlungen und den Schilderungen ihrer Zeitgenoſſen hervorleuchtet.