Aufsatz 
Renata von Este, Herzogin von Ferrara : ein Lebensbild aus der Reformationsgeschichte / Franz Bluemmer
Entstehung
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reich und Ferrara zu vergeſſen. Auch Ihre Jahre müßten Ihnen dieſen Gedanken nahe legen. Zudem hat Sie nun der Herr durch den Wittwenſtand frei und unabhängig gemacht, um ſie ganz für ſich zu behalten. O wäre es mir möglich alle dieſe Punkle mündlich mit Ihnen zu erörtern und das nicht auf einmal, ſon⸗ dern Tag ſür Tag! Aber ich muß es Ihnen überlaſſen, alle dieſe Betrachtungen im Stillen mit Mußt weiter zu verfolgen als ich im Stande bin, Sie ſchriftlich in Worte zu faſſen.

Indem ich mich Ihnen, gnädige Frau, ergebenſt empfehle, bitte ich den gütigen Gott, daß er Sie in ſeiner Hut halten, Sie durch ſeinen Geiſt lenken und in jeglichem Guten fördern möge.

So ſehr dieſe ernſten Warnungen des Mannes, auf welchen ſie alles Vertrauen ſetzte, Renata hätten vermögen können, ihren Plan aufzugeben, ſo enthält doch das Schreiben auch Erwägungen, welche ſie in Ausführung derſelben noch beſtärken mußten. Der begeiſterte Vorhalt des Zieles, das ſie für den Reſt ihres Lebens zu verfolgen habe, konnte unmöglich wirkungslos an ihrem ſtrebſamen Herzen vorübergehen. Sie ſah die Unmöglichkeit vor Augen, dasſelbe in Italien erreichen zu können, ja daß, wenn ſie es nur neu anzuſtreben beginnen wollte, ihres Bleibens in dieſem Lande nicht mehr ſei; denn aus den Worten Muratori's zu ſchließen, war ihr von Seiten des Herzogs nur die Wahl geblieben, entweder in den Schoß der Kirche zurückzukehren, oder das Land zu verlaſſen und ihre Wittwentage in ihrer Heimath zu verleben. Hier allein war es ihr vergönnt, wahrſcheinlich hatte ſie ſich bei ihrem Schwiegerſohn dieſe Vergünſtigung für ihren Hof ausbedungen, öffentlich reformirten Gottesdienſt und einen Prediger zu halten, und ſo nach Wunſch ihrem Glauben zu leben. Darum that ſie den entſcheidenden Schritt, verließ das ihr ſo lieb gewordene Land und die ihr noch lieberen Kinder und eilte dem Vaterlande zu, als dem ſichern Porte der Ruhe. Wir erzählen ihre Abreiſe am beſten mit Muratoris*) eignen Worten:Die Hauptſtadt wurde nicht wenig beſtürzt durch die plötzliche Abreiſe der Herzogin Renata, Mutter des Herzogs, die nach Frank⸗ reich zurückkehrte. Am 2. September 1560 machte ſie ſich auf die Reiſe mit einem Gefolge von 300 Per⸗ ſonen. Der Herzog begleitete ſie bis an die Grenze und Do Luigi, ihr zweiter Sohn, welcher am 15. April von Frankreich zurückgekehrt war, gab ihr das Geleite bis Montargis, woſelbſt ſie von nun an faſt immer ihre Reſidenz hatte. Der Verluſt dieſer königlichen Prinzeſſin mißfiel dem Volke in Ferrara aufs Hoͤchſte, weil ſie alle anzog durch die Lebhaftigkeit ihres Geiſtes, und weil ſie durch ihre Sanftmuth im höch⸗ ſten Grade beliebt war, mehr aber noch, weil ihre Freigebigkeit keine Grenzen hatte und ſie nie ermudete, den Bedürftigen beizuſtehen. Die allgemeine Stimme war, daß ſie aus Unzniriedenbei mit ihrem Sohne das Land verlaſſen.

Aus dieſen einfachen Worten des gut katholiſchen Schriftſtellers iſt leicht zu erkennen, daß das Geleite, welches die beiden Söhne ihrer Mutter gaben, nicht viel mehr als ein Akt der Courtoiſte und Diplomatie war, und daß es weſentlich dazu dienen ſollte, vor der mißſtimmten Welt den Schein zu wahren.

Den weiteren Lebensgang der merkwürdigen Frau werden wir in einem demnächſt erſcheinenden Büch⸗ lein erzählen. Hier haben wir nur noch eine Verläumdung zurückzuweiſen, mit welcher einige gegneriſche Schriftſteller die Reinheit ihres Beweggrundes zu ihrem Austritte aus der Mutterkirche anzutaſten ſich nicht entblöden. Brantome nämlich und Muratori und nach ihnen einige dem Jeſuitenorden angehöͤrende Ge⸗ ſchichtſchreiber erzählen ſcheinbar ganz unſchuldig, ſie habe deßwegen vom Papſtthum ſich losgeſagt und dem Calvinismus hingegeben, weil Papſt Julius II. ihrem Vater ſo hart mitgeſpielt. So unabſichtlich dieſe Worte lauten, ſo ſchließen ſie doch einen Vorwurf in ſich, der auf den Charakter der edeln Herzogin einen nicht

1) S. 389.