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Zugleich hatte die geängſtete Frau ihn um ſeinen Rath in einer ſehr wichtigen Angelegenheit gebeten⸗ Sie war nämlich geſonnen das ſchöne Italien zu verlaſſen und in ihr Vaterland, welches Sie ſo ſehr liebte, zurückzukehren. Ueber ihre Beweggründe zu dieſem entſcheidenden Schritte haben wir nur Andeutungen, keine ausdrücklichen Nachrichten. Um uns über die Vorgänge ihres Herzens aufzuklären, müſſen wir vor Allem einen Blick auf ihr Verhältniß zu ihren Kindern werfen. Ihre älteſte Tochter Anna war ſchon ſeit 1548 mit Franz de Lorraine, Herzog von Guiſe, dem fanatiſchſten Verfolger der Proteſtanten in Frank⸗ reich vermählt. Der König ſelbſt, Heinrich II, und der Kardinal von Guiſe waren als Werber für den Herzog aufgetreten. Renata ſchauderte bei dem Gedanken, ihre Tochter dem grimmigſten Feinde ihres Glaubens zu überantworten und nahm keinen Anſtand ihren Widerwillen gegen dieſe Verbindung offen auszuſprechen. Allein ihr Gemahl, der nach dem Zerwürfniſſe mit der Mutter der Tochter ſeine ganze Liebe zugewendet, hatte den aufrichtigen Glauben das Glück der Letzteren durch dieſe Ehe zu begründen und gab die Zuſage. Mutter und Tochter zitterten und weinten bei allen Spielen und Turnieren, welche während der Hochzeitsfeſtlichkeiten gegeben wurden. Endlich war der Augenblick der Trennung ge⸗ kommen: Renata hatte der nach Frankreich überſiedelnden theuren Tochter mit deren jüngern Schweſtern bis Mantua das Geleite gegeben; ſchlimme Ahnungen für die Zukunft hatten den Abſchied umwölkt; nur zu bald ſollten ſie ihre tragiſche Erfüllung finden. Was nun aber die beiden andern Töchter betrifft, ſo ſcheint Herzog Ercole dieſelben aus bekannten Gründen in klöſterlicher Abgeſchiedenheit belaſſen und der Mutter nach den Zugeſtändniſſen, die ſie gemacht, nur die Freiheit eingeräumt zu haben, ſie ungehindert zu ſehen. Nach dem Tode des Vaters lebten ſie am Hofe ihres Bruders Alfonſo's II. Daß ihnen die von der eifrigen Mutter beigebrachten reformirten Glaubenslehren in dem Kloſter aus dem Herzen werden ver⸗ drängt worden ſein und daß ſie ferner den Ort ihrer Erziehung nicht ohne Einpflanzung eines gewiſſen Mißtrauens gegen ihre Mutter von Seiten ihrer Umgebung werden verlaſſen haben, wäre erklärlich, wenn wir auch nicht von ihnen wüßten, wie blind ergeben ſie dem Glauben der herrſchenden Kirche geweſen. Zum Glück hatte die Liebe zur Kunſt, die alles Maßloſe in das richtige, Auge und Herz erfreuende Eben⸗ maß führt, auch an ihren zarten Herzen mit ihrer verſöhnenden Kraft ſich geltend gemacht und ſie vor Fanatismus bewahrt. Wie Beide dem unſterblichen Dichter des befreiten Jeruſalem als freundlich liebende Schützerinnen zur Seite geſtanden und wie hinwiederum dieſer beide Gönnerinnen, beſonders aber Eleonore, in ſeinen Liedern verherrlicht, zu der er in idealer Liebe hinaufgeſchaut, bis die Nacht des Wahn⸗ ſinnes ſeinen feurigen Geiſt umdunkelt und ſein ſchwärmeriſches Auge gebrochen, wollen wir hier bloß an⸗ deuten. Bei dieſer Gelegenheit können wir es uns nicht verſagen, die Leſer von Göthe's Taſſo darauf aufmerkſam zu machen, wie unſer Dichterfürſt die geheimſten Gedanken und Gefühle nicht nur allen andern in dieſem unſterblichen Werke auftretenden Perſönlichkeiten abgelauſcht, ſondern wie er auch in Bezug auf das Urtheil Eleonorens über ihre Mutter das Richtige getroffen, wenn er ihr die trauererfüllten Worte in
den Mund legt: ¹) „Was half denn unſrer Mutter ihre Klugheit? Die Kenntniß jeder Art, ihr großer Sinn! Konnt' er ſie vor dem fremden Irrthum ſchützen? Man nahm uns von ihr weg: nun iſt ſie todt; Sie ließ uns Kindern nicht den Troſt, daß fe Mit ihrem Gott verſöhnt geſtorben ſei.⸗
1) Göthe. Taſſo. 3. Aufzug. 2. Aunftritt.


