Aufsatz 
Renata von Este, Herzogin von Ferrara : ein Lebensbild aus der Reformationsgeschichte / Franz Bluemmer
Entstehung
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Ja die Dulderin hatte die Freiheit, welche ihre Zugeſtändniſſe ihr gebracht, dazu benützt, ſich wieder aufzurichten und in ihrem Glauben noch mehr zu befeſtigen. Sie lebte nun in tieſſter Zurückgezogenheit bald im SchloſſeFranceſco zu Ferrara, bald auf einer Villa im Weichbilde der Stadt. Hier in der Einſamkeit empfing ſie die Ueberbringer der Mahnungen ihres Seelſorgers und die Prediger, welche ihr von Genf aus geſandt wurden.

Am 20. Juli 1558 ſtellte ihr Calvin wieder ein Schreiben zu voll der glaubensinnigſten Aufrichtung und zugleich, um ſie über einen Gewiſſensſkrupel aufzuklären, welchen ſie in Betreff der Präſentation katho⸗ liſcher Geiſtlichen hatte, die ſie auf ihren Gütern in Frankreich ertheilen ſollte.Wenn dieſe Prüfung, ſo ſchreibt er, Ihnen hart und ſchwer erſcheint, ſo denken Sie an das Wort Petri! Das vergängliche Gold bewährt ſich im Feuer als gut und ächt, ſo muß ſich auch der Glaube im Feuer der Trübſal bewähren. Wenn Sie mehr Schwachheit in ſich fühlen, als es wünſchenswerth iſt, ſo nehmen Sie zu dem ihre Zu⸗ flucht, der uns die Verheißung gegeben, daß alle diejenigen, welche auf ihn hoffen, wie der Baum auf Waſſerbächen gepflanzt ſein ſollen, der gute und lebendige Wurzel hat, der niemals vertrocknet, durch die Hitze, welche kommen kann. Soviel iſt ſicher, er läßt uns nie verſucht werden über unſere Kraft. Haben Sie nur Muth! In Bezug auf den Gewiſſensſkurpel, den Sie in Betreff der Anſtellungen auf Ihren Pfründen haben, muß ich Ihnen bemerken: geben Sie die Stelle dem erſten beſten gutgeſtnnten Geiſtlichen. Dem Beſtallungsbriefe, den Sie ihm zuſtellen laſſen, werden Sie jedoch gut daran thun, die

Verwahrung beizufügen, daß Sie, um Ihrem Gewiſſen zu genügen, und ſich nicht mit der Kirche in ihrem jetzigen Zuſtande in Beziehung zu ſetzen, mir die Sache überließen. Einen guten Gebrauch von dieſem Rechte zu machen, dazu ſehe ich nicht die geringſte Ausſicht.)

Endlich war die Zeit gekommen, wo die Herzogin von ihrer Bedrängniß befreit werden ſollte. Am 3. October 1559 ſtarb ihr Gemahl. Noch auf dem Todesbette hörte er nicht auf ihrem Gewiſſen Gewalt anzuthun. Er verlangte von ihr ein eidliches Verſprechen, hinfort jede direkte Verbindung mit Calvin ab⸗ brechen zu wollen. Und die rathloſe Frau? Durch den Drang der Umſtände und das natürliche Verlan⸗ gen, dem Sterbenden eine letzte Bitte zu gewähren, hingeriſſen gab ſie demſelben das verlangte Verſprechen. Ihr Gewiſſen war dabei gewiß nicht wenig mit ſich ſelbſt im Streite, da ſie wohl fühlte, daß an ihrer Ueber⸗ zeugung feſthalten und mit dem, welcher dieſelbe in ihr zu iyrer ſeligſten Freude begründet und ſtets zur Feſtigung ihres Glaubens beigetragen, außer Verbindung treten, ein Zeichen des größten Undanks gegen den Herrn ſei, welcher den Erwecker ihr geſandt, ja einer Verleugnung ihrer Ueberzeugung ſelbſt gleich⸗ komme. In letzterem Sinne faßte auch Calvin das gegebene Verſprechen auf, als ſie ihm durch einen Boten in tiefer Reue daſſelbe kund that. Darum antwortete er ihr am 5. Juli 1560 in folgenden kurzen und ſtrengen Worten:Was das Ihnen abgedrungene Verſprechen angeht, ſo haben Sie dadurch großes Unrecht gethan und Gott beleidigt; daher ſind ſie auch nicht verbunden, es zu halten, ebenſowenig als ein abergläubiges Gelübde. Sie wiſſen ja, daß Herodes nicht nur nicht gerechtfertigt ward, weil er ſeinen unbe⸗ dachtſam geleiſteten Schwur nur zu gut gehalten, ſondern daß ihm derſelbe zu doppelter Verdammniß ge⸗ reichte. Ich ſage Ihnen dieſes nicht, als ob ich in Sie dringen wollte, mir zu ſchreiben, ſondern damit Sie ſich keine Gewiſſenszweifel machen über etwas, was Gott in Ihren freien Willen ſtellt. Mit dieſer Er⸗ klärung halte ich mich meiner Pflicht gegen Sie für entledigt.*)

1) Leures de Calvin. T. II. p. 215. 2) Lettres de Calvin. T. H. p. 337.