Aufsatz 
Renata von Este, Herzogin von Ferrara : ein Lebensbild aus der Reformationsgeschichte / Franz Bluemmer
Entstehung
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21.

gedeihen ließ, mußte Renata den Unwillen ihres Gemahles und den Haß des römiſchen Stuhles von neuem auf das Entſchiedenſte auf ſich laden. Während man in den andern italieniſchen Städten die proteſtantiſchen Gemeinden auszurotten nicht geringe Sorgfalt trug, richtete man beſonderes Augenmerk auf Ferrara, welches man als den Heerd der Ketzerei in Italien zu betrachten allen Grund hatte. Es war im Jahre 1545, als Paul III. ein Breve an die geiſtlichen Behörden dieſer Stadt ſandte, worin er ſie beauftragte, das Beneh⸗ men der verdächtigen Perſonen ohne Unterſchied des Ranges oder Standes genau zu prüfen, nach dem Verhör der Zeugen und Anwendung der Folter die Unterſuchung bis zur Spruchreife zu führen und als⸗ dann die Akten behufs der Fällung des Endurtheils nach Rom einzuſchicken.¹) Um ſicherer zum Ziele zu gelangen, wurde eine Bande beſoldeter Spione in's Land geſandt, welche mit Empfehlungsbriefen verſehen, ſich in's Vertrauen der einzelnen Familien einſchlichen und ihre Erfahrungen den Inquiſitoren mittheilten.*) Auch am Hofe zu Ferrara wußten ſie ihren Unſamen zu ſäen, indem ſie den Herzog gegen die treffliche der evangeliſchen Lehre unerſchütterlich zugethane Olympia Morata aufzubringen verſtanden. Sie ward, ob mit oder ohne Einwilligung der Herzogin, iſt nicht bekannt, vom Hofe entfernt, und lebte nun nach dem Tode ihres Vaters der Pflege ihrer Mutter und Geſchwiſter, und nur ihre Verheirathung mit einem deutſchen Mediziner, Namens Andreas Grunthler, mit dem ſie nach Deutſchland flüchtete, hatte ſie es zu verdan⸗ ken, daß ſie ihr Leben rettete.¹) Die Verfolgungen nahmen noch zu unter dem Papſte Julius III.(1550 bis 1555). Die reformirte Gemeinde zu Ferrara wurde im Jahre 1550 aufgelöſt; viele Glieder derſelben wanderten in den Kerker und einer der Prediger, ein durch Frömmigkeit ausgezeichneter Mann, wurde hin⸗ gerichtet. Viele ergriffen freiwillig die Flucht, Viele wurden verbannt. ³)

Daß bei allen dieſen Grauſamkeiten die ſtandhafte Fürſtin ſich nicht furchtſam zurückgezogen, daß ſie vielmehr laut ihr großes Mißfallen den Päpſten gegenüber an dieſen Verfolgungen kund gethan, und unausgeſetzt die Bedrängten nach Kräften geſchützt, war der hohen Geiſtlichkeit ein ſchreckenerregender Be⸗ weis, daß die proteſtantiſche Kirche in Ferrara noch nicht ihre Endſchaft erreicht. Ehe aber das Haupt, an welches das reformirte Gemeindeleben in der Reſidenz ſich knüpfte, gebeugt war, hatte die Inquiſition keine Ruhe. Daß dasſelbe die Würde einer Königstochter an ſich trug, ſchützte es anfangs vor Angriffen perſön⸗ licher Art. Aber bald fand man Mittel und Wege, auch ſie in das Netz der Inquiſition zu verſtricken. Man begann damit, ſich an den Herzog zu wenden; man ſtellte ihm vor, welch ein Schandfleck die Ketzerei für das Haus Eſte ſei, das ſo lange durch ſeine Anhänglichkeit an den römiſchen Stuhl geglänzt; welch ein gefährliches Beiſpiel die Mutter den Kindern und dem ganzen Hofe gebe; wie das Vertrauen des Hau⸗ ſes bei den auswärtigen katholiſchen Mächten verloren gehe u. ſ. w. Beſonders aber war es das Miß⸗ fallen Sr. Heiligkeit, welches man dem ſchwachen Manne als Drohwaffe vorhielt. Dieſe Mittel wirkten;) der Herzog drang zu wiederholten Malen in höchſter Gereiztheit in ſeine Gemahlin, dem neuen Glauben abzuſchwören und ſich der herrſchenden Kirche zu unterwerfen. Weitere Maßregeln zu ergreifen wagte weder er, ſo lange ſein Schwager, Franz I., lebte, noch der Papſt. Nach dem Tode desſelben aber, der 1547 er⸗ folgte, wußte der heilige Vater ſeinem Lehensmanne einen trefflichen Vorwand an die Hand zu geben, um gegen die Perſon Renata's auch mit Strenge vorgehen zu können. Der Neffe derſelben, Heinrich II. von

1) Raynaldi Annales ad annum 1545. 2) Calcagnini opera. p. 169. Olympiae Moratae opera. p. 102 ff. 3) Das Leben der Olympia Morata von Jules Bonnet, überſ. von Merſchmann. S. 70. 4) Actiones et momenta Martyrum. f 163. Olympiae Moratae opera. p. 102. 5) Muratori ſagt:Es fehlte dem Papſte nicht an der Macht, ſondern nur an dem Vorwande dem Herzoge Ferrara zu nehmen.