Aufsatz 
Renata von Este, Herzogin von Ferrara : ein Lebensbild aus der Reformationsgeschichte / Franz Bluemmer
Entstehung
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Geſprächen oder Betrachtungen, wie dies ja am Hofe öfter der Fall war. Aber zu einem thatſächlichen Austritte aus der Kirche wie ihn die Bildung einer beſonderen Gemeinde mit ſich bringt, war man wahr⸗ ſcheinlich noch nicht gekommen. Zu einem ſo entſcheidenden Schritte bedurfte es wie an andern Orten, z. B. am Hofe der Königin Margarethe von Navarra, einer kräftigen Anregung.

Hilfsbedürftigen Seelen läßt es Gott nicht mangeln. Es war im Nachſommer des Jahres 1535, als Calvin, der ernſte, nimmerraſtende, gottbegeiſterte, unbeugſame, gelehrte Reformator von Baſel aus nach Be⸗ endigung ſeines Buchesvom chriſtlichen Unterrichte den Entſchluß faßte, Italien kennen zu lernen und bei dieſer Gelegenheit die Herzogin von Ferrara aufzuſuchen,auf welche damals ſchon viele Augen hoffend und ſürchtend gerichtet waren. ¹) Da er ſich die Kunſt nicht beimaß den Schlingen des Inquiſitionsnetzes mit Beibehaltung ſeines rechten Namens zu entgehen, ſo reiſte er als Herr von Espeville. Wie mochte ſich die Herzogin gefreut haben, den Mann, deſſen Ruf auch fchon zu ihr gedrungen ſein mußte, und in dem ſie zugleich ein Kind ihres Vaterlandes begrüßte, in ihrer Nähe zu haben! Auch der Herzog, nahm ihn als einen Gelehrten mit der größten Freundlichkeit auf. Der Aufenthalt Calvin's währte zwar nur unge⸗ fähr ein halbes Jahr; was er aber in dieſer kurzen Zeit bei den Freunden des Evangeliums in Ferrara an Erkenntniß und Befeſtigung in demſelben, an Entſchiedenheit des Bekenntniſſes vor der Welt bewirkte, davon zeugen die ſegensreichen Früchte, welche wir an der werdenden Gemeinde gewahren. Nicht nur Re⸗ nata und ihre Umgebung treten jetzt mit ihrer religiöſen Ueberzeugung unverhüllt an die Oeffentlichkeit, ſon⸗ dern auch die übrigen Anhänger der Reformation wagen ſich muthiger hervor und ſchaaren ſich um Calvin als ihren Lehrer, der wahrſcheinlich im Sinne hatte ihr Seelſorger zu bleiben und von Ferrara aus für die Ausbreitung der reformirten Lehre in Italien zu wirken.

Daß der thatkräftige entſchiedene Mann dieſelben zu einem förmlichen Gemeindeverbande zuſammenge⸗ than, inſofern von einer ſich möglichſt in der Zurückgezogenheit haltenden Verbindung der NameGemeinde angewandt werden kann, läßt ſich von ihm erwarten. Auch dürfen wir aus Calvin's und der Herzogin Charakter, ohne eine kühne Vermuthung aufzuſtellen, die Folgerung ziehen, die ſich insbeſondere durch des Reformators Briefwechſel mit der hohen Frau zur Gewißheit erheben ließe, daß auch dieſe ſich als unzwei⸗ deutiges Mitglied dieſer Gemeinde bekannt. Die Treue wenigſtens, mit der ſie ihre Anhänglichkeit an des Meiſters Lehre und Perſon, ſelbſt unter der unwürdigſten Behandlung ihres Gemahles, bis an ihr Ende be⸗ wahrt, verſcheucht jeden Zweifel an der Wahrheit dieſer Behauptung.

Die größere Entſchiedenheit, mit welcher ſie den wegen ihres Glaubens verfolgten Franzoſen und Italienern Schutz und jede mögliche Hilfe gewährte, und mit der ſie jetzt mehr und mehr ihre Ueberzeugung offen werden ließ, erregte das äußerſte Mißfallen ihres Gemahles; nicht als ob derſelbe religiöſe Gründe dagegen gehabt, ſondern weil er vor ſeinem Oberlehnsherrn, dem damaligen Papſte Paul III.(1534 1549), zitterte, der es an Beweiſen ſeiner Ungnade nicht wird haben fehlen laſſen. Man kann ſich denken, welche Vorwürfe und Drohungen der für ſein politiſches Daſein und ſeine Krone ſo ängſtliche Weltmann ſeiner Gemahlin gemacht, und wie alle von dieſer vorgebrachten Gegengründe nur dazu beigetragen haben mögen, die Leidenſchaft und den Unwillen desſelben noch mehr zu reizen und ſeine Beſorgniß zu ſteigern. Die po⸗ litiſchen Ausſichten waren damals für Renata's Vaterland in Italien trübe und unerfreulich; Papſt und Kaiſer ſtanden zuſammen, um ihre Macht gegen Frankreichs Einſluß gegenſeitig zu befeſtigen; ſie ſchloſſen ein Bündniß, in welches auch Ferrara, bisher der Franzoſen getreuer Verbündeter, gezogen wurde(1536). Um aber mit einem Schlage zwei Zwecke, den politiſchen und den religiöſen, zugleich zu erreichen, verbanden

1) Stähelin.