Aufsatz 
Renata von Este, Herzogin von Ferrara : ein Lebensbild aus der Reformationsgeschichte / Franz Bluemmer
Entstehung
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aus der Hand zu legen vermag, ſind blutige Zeugen für die Wahrheit, daß nur durch prieſterliches Inqui⸗ ſitionsgericht die Predigt vom Evangelium in der italieniſchen Halbinſel auf lange Zeit verſtummte.

Doch kehren wir zu Renata zurück; ſie gehörte zu den wenigen ernſten tiefgehenden Seelen, denen der allgememeine Unglaube, die ſinnliche Schöngeiſterei, das Verdrängen der Bibel durch Plato und Ari⸗ ſtoteles, durch Cicero und Virgil, die ſtatt jener auf den Kanzeln zitirt wurden, ein Gräuel war, die in ſtiller Sehnſucht nach höherer Wahrheit der Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben ihre leidtra⸗ genden Herzen öffneten. Eine Vorliebe für das Evangelium hatte ſie, wie wir wiſſen, aus ihrem Vater⸗ lande mitgebracht und dieſe zu befeſtigen in ihrem neuen Vaterlande bisher viele Gelegenheit ge⸗ funden. Hier war ſie in Stand geſetzt die Repräſentanten ihrer Mutterkirche von Angeſicht zu Angeſicht kennen zu lernen, hier konnte ſie die Werkheiligkeit in ihrer ſchönſten Blüthe ſchauen; hier ſtand ſie all den Eindrücken offen, welche in edeln entſchiedenen Charakteren die Sehnſucht nach dem Evangelium zu erwek⸗ ken geeignet waren. Auch ihre nächſte Umgebung am Hofe war darnach angethan dieſes ihr aufrichtiges Suchen nachdrücklich zu fördern. Zunächſt ſtand ihr als ehrwürdige Freundin ihre frühere Erzieherin Frau von Soubiſe zur Seite, dann deren Tochter, Anna von Parthenai, pätere Gräfin von Pons und Marenne, noch ausgezeichneter als ihre Mutter, von der Lilio Giraldi in der Widmung eines ſeiner Dialoge ſagt, ſie ſei nicht nur im Lateiniſchen, ſondern auch im Griechiſchen ſo wohl bewandert, daß ſie die ſchwierig⸗ ſten Autoren zu verſtehen vermöge; über alles, was man ſich denken könne, ſei ſie in dieſem Fache gelehrt. Was ſolle man ferner von ihrem poetiſchen Talente ſagen, von ihrer wunderbaren Gabe in der Muſik, die alle Meiſter in Erſtaunen ſetze? Und doch ſeien das nur beiläufige Dinge, nur Gaben für das Vergnü⸗ gen. Als das Wunderbarſte an ihr erſcheine ihre durchdringende Kenntniß der heiligen Schrift, ſo daß die Theologen vom Fache von ihr zu lernen begehrten. Mutter und Tochter theilten mit der Herzogin gleiche Liebe für das Wort Gottes und gingen in zunehmender Erkenntniß deſſelben gleichen Schritt. Auch der Sohn der Frau von Soubiſe, ſowie der ſpätere Gemahl Anna's von Parthenai, der als Befehlshaber der franzöſiſchen Garde am Hofe ſich aufhielt, waren der neuen Lehre zugethan. Durch Frau von Soubiſe hatte auch der obengenannte franzöſiſche Dichter Clement Marot, der als Ueberſetzer der Pſalmen und we⸗ gen heimlicher Anhänglichkeit an die Reformation in Frankreich war angellagt und zur Flucht genöthigt worden(1534), Zutritt und Schutz gefunden. Mit ihm ward ferner ſein Freund Jamet, Herr zu(cam⸗ brün, freundlich aufgenommen, den die Herzogin ſpäter an Marots Stelle zu ihrem Secretair annahm.

Wie viele Andere werden außer dieſen bei der hochherzigen Königstochter gefunden haben, was ſie in ihrem Vaterlande vergebens geſucht!

Nehmen wir dieſe und diejenigen Anhänger der Lehre Luthers, welche ſich unter den Profeſſoren der Univerſität und ihren Frauen und Schülern, ſowie unter den bereits genannten Lehrern der herzoglichen Kinder, die alle mehr oder weniger eine evangeliſche Glaubensrichtung hatten, zuſammen und rechnen wir die, welche, ohne daß wir von ihnen nähere Kunde haben, in der Refidenz ſich aufhielten, dazu, ſo mochte der Inquiſitor Recht gehabt haben, der im Jahre 1530 vonzahlreichen in Ferrara ſich findenden lutheri⸗ ſchen Ketzern nach Rom berichtete. Ob ſich nun ſchon bereits im Jahre 1528 ¹) mehrere Prediger des Evangeliums zu Ferrara aufhielten, ſo mögen ſich doch die Bekenner deſſelben wohl noch nicht zu einer föͤrmlichen Gemeinde zuſammen gethan haben; es hätten denn ſicherlich die Worte jenes Berichterſtatters anders gelautet. Man kannte ſich, war ſich wohl auch innig zugethan, und verſammelte ſich zu religiöſen

1) Tempe Helvetica T. IV. p. 138.