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ruhigenden Crwartungen nicht verrechnet. Aber ihr tief religiöſes ernſtes Gemüth ſuchte einen feſten Grund und bleibenden Frieden und dieſen bot ihr die evangeliſche Lehre, deren Mittelpunkt die Rechtfertigung durch die Gnade Jeſu Chriſti wie eine Alles überſtrahlende Sonne die glänzende Werkheiligkeit ihrer Kirche in tieſen Schatten ſtellte. 3
Frühe ſchon waren trotz der dazwiſchenliegenden Alpenmauern die Bewohner der italieniſchen Halbin⸗ ſel mit Luthers kühnem Auftreten und ſeinen und Zwingli's Werken bekannt geworden. Reiſende Käufleute, auch Soldaten Karls V. hatten dieſelben mitgebracht und von den merkwürdigen religiöſen Ereigniſſen Deutſch⸗ lands und der Schweiz erzählt. Zu Pavia wurden ſchon 1519 Luthers Werke geleſen, 1520 zu Venedig, wo auch italieniſche Ueberſetzungen einiger Werke von Melanchton und Buzer erſchienen; 1521 druckte man zu Mailand ein Gedicht zu Ehren Luthers, welcher in derſelben Zeit mit dem Herzoge von Savoyen Cor⸗ respondenz führte. 10 Jahre ſpäter berichtete der Inquiſitor von Ferrara und Florenz an den Papſt, es fänden ſich an dieſen Orten und auch vielen andern zahlreiche Lutheriſche Ketzer unter Geiſtlichen und Laien.
Auch zu Bologna, Vicenza und Treviſo lebten nicht wenige Bekenner der neuen Lehre; da und dort wagte man es ſogar mit den deutſchen Reformatoren in Briefwechſel zu treten. ¹)
Man hätte glauben ſollen dieſer gute Same in den fruchtbaren Boden Italiens ausgeſtreut hätte hier bald unausrottbare Wurzeln ſchlagen müſſen. Waren doch alle Proſaiker und Dichter voll von Klagen und Spott über die Mängel der herrſchenden Kirche und ihrer Vertreter; hatte doch ein Savonarola den Mär⸗ tyrertod für ſeine reformatoriſche Ueberzeugung erduldet. Aber leider waren die Gemüther der Gebildeten von einem blinden Fanatismus für das claſſiſche Heidenthum ergriffen und der Unglaube und die Unſittlich⸗ keit hatte in erſtaunenswerthem Grade dieſelben gegen das tiefere Eindringen ernſter Gedanken verhärtet. Wieder Andere, und darunter große und gelehrte Männer, ſcheuten ſich die Reformation mit Entſchiedenheit zu ergreifen aus Furcht vor einer Spaltung, aus Ehrfurcht vor der äußern Einheit der Kirche, von deren Nothwendigkeit ſie überzeugt waren; und obſchon ſie die argen Mängel des kirchlichen Haushaltes beklagten, obſchon ſie auch mit der Lehre ihrer Kirche nicht übereinſtimmen konnten, glaubten ſie doch in äußerer Un⸗ terwerfung unter das Oberhaupt derſelben einer freiern Anſicht leben zu können und verblieben ſo im ge⸗ wohnten kirchlichen Verbande. Was aber die Maſſe des Volkes betrifft, ſo geſellte ſich bei ihr zu den Fehlern der Gebildeten eine große Unwiſſenheit, ſowohl in religiöſen als in andern Dingen. Sie ſtimmte zwar in den Läſterchor gegen den Druck der Geiſtlichkeit ein, folgte aber ſtets aus Parteiſucht, Eigennutz und blinder Gewohnheit dem herrſchenden Theile.
. Doch dieſe Hartherzigkeit der Gemüther würde die Macht der evangeliſchen Lehre beſiegt haben, hätte ſich nicht eine andere Macht ihr entgegengeſtellt, eine Macht, deren Waffe die Gewalt, deren Ziel die Ver⸗ nichtung alles deſſen, was ihr zuwider iſt. Es war dies die ſyſtematiſch geordnete über das ganze Land verbreitete Inquiſition. Wir wollen uns hier über die Handhabung derſelben zu Rom und im übrigen Italien nicht verbreiten, aber darauf können wir nicht unterlaſſen aufmerkſam zu machen, daß, wenn man in arger Verdrehung der Geſchichte die Gräuel der Inquiſition ſonſt überall der weltlichen Behörde zuzu⸗ ſchieben ſich nicht entblödet, man dieſes doch für Rom nicht im Ernſte wird unternehmen wollen. Die auf dem Scheiterhaufen und an dem Galgen in der heiligen Stadt gemordeten Märtyrer der reformirten Lehre, ein Mollio(1533), ein Algieri mit ſeinen Schülern(1553), ein Pascali(1560), ein Carneſechi(1567), ein Paleario(1570), deren Lebens⸗ und Leidensgeſchichte man nicht ohne tiefſte Rührung und Erbauung
¹) S. Peter Martyr Vermigli von Dr. C. Schmidt. Elberfeld 1858.


