Aufsatz 
Renata von Este, Herzogin von Ferrara : ein Lebensbild aus der Reformationsgeschichte / Franz Bluemmer
Entstehung
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Doch auch durch den Wechſel der politiſchen Anſichten und Maßregeln ihres Gemahls, ſowie daraus, daß derſelbe ſeine beſſere religiöſe Ueberzeugung dem politiſchen Vortheile opferte, erwuchſen der Herzogin unſägliche Leiden. So lange nämlich die edle Frau den Mittelpunkt der gelehrten Beſtrebungen der Reſi⸗ denz bildete und die Beſchützerin und Förderin aller Vertreter der Wiſſenſchaften ohne Rückſicht auf deren Nation und Glauben war, entſprach dieſer Eifer ſeiner Neigung und ſeiner Fürſorge für den Glanz des Hofes, und er ging mit ihr Hand in Hand. Als ſie aber in ihrer grenzenloſen Herzensgüte und Vater⸗ landsliebe ihre zahlreichen Landsleute, welche in den verſchiedenen Kriegen in Italien in Jammer und Noth gerathen waren, mit jeglicher Handreichung unterſtützte, ſo daß ſie keinen derſelben ohne Hülfe ließ, und als dadurch Ferrara in den Augen der Päpſte als Hort der Feinde Italiens übel angeſehen wurde, da gab es von Seiten des Gemahls, der den Papſt als ſeinen Oberlehensherrn fürchtete, anfangs indirekte Vor⸗ ſtellungen. Hatte doch ſein Vater von Papſt Alexander VI. die Demüthigung erfahren, aus ſeinem Lande vertrieben und nur durch die Hand von deſſen Tochter Lucrezia wieder in daſſelbe eingeführt worden zu ſein. Und ſah nicht auch der deutſche Kaiſer mit eiferſüchtigen Augen auf den Einfluß Frankreichs jenſeits der Alpen? Ercole war zu ſehr für ſeine politiſche Exiſtenz beſorgt, als daß er das Mißfallen dieſer beiden Mächte aus Liebe zu ſeiner Gemahlin ruhig zu ertragen vermochte. Indeß mochte ſie in ihrer Freundlich⸗ keit unwiderſtehlich dem ängſtlichen Gatten ſeine Beſorgniß auf einige Zeit verſcheucht haben, indem ſie ihm die Pflicht vorhielt, die ſie ihren Landsleuten ſchuldig ſei. So hatte ſie auch ihrem Hausmeiſter, der ihr in Betreff einer Ausgabe von über 10,000 Thalern, welche ſie außer andern beſonders auf die mangellei⸗ denden Soldaten des Herzogs von Guiſe verwendete, ſeine finanziellen Bedenken geäußert, die Worte ent⸗ gegengehalten:Was wollen Sie, ſind es nicht arme Franzoſen, meine Landsleute, die, wenn mir Gott einen Bart hätte wachſen laſſen, und wenn ich ein Mann wäre, jetzt alle meine Unterthanen ſein könnten, ja die es in der That wären, wenn das abſcheuliche ſaliſche Geſetz mir nicht im Wege ſtände?

Aber dieſe Vorſtellungen wurden bald direkt und endeten mit ernſten Maßregeln. Als nänlich unter den vielen Kindern ihres Landes allmälich auch diejenigen am Hofe zu Ferrara Schutz ſuchten und fanden, die als Anhänger der lutheriſchen Lehre aus ihrem Vaterlande waren vertrieben worden, oder vorſorglich daſſelbe verlaſſen hatten, ſo mehrte ſich die Angſt des ſchwachen Fürſten. Anfangs mochte er es wohl mit Mißfallen bemerkt haben, wie man am Hofe von philoſophiſchen Unterhaltungen vorzugsweiſe auf theologi⸗ ſche Auseinanderſetzungen gerieth und wie namentlich ſeine Gemahlin ſich an denſelben mit beſonderer Leb⸗ haftigkeit betheiligte. Allein Ercole war ſeinem ganzen Weſen nach zu ſchließen einer von den Staats⸗ männern, welche für ſich ſelbſt die freieſte Bewegung im Denken in Anſpruch nehmen, auch den ſie umge⸗ benden Kreiſen dieſelbe ſo lange vergönnen, als ihnen von der herrſchenden Partei kein Nachtheil droht, die aber, ſo bald irgend welche Gefahr für ſie eintritt, nach Außen hin den Schein wahren, ja ſogar gegen alles beſſere Wiſſen und Gewiſſen die allzu kühnen Vertreter ihrer eignen Ueberzeugung verfolgen. Das ſchreckliche Ende, welches dieſe Beſtrebungen ſeiner Gemahlin, wenn dieſelben eine weitere Ausdehnung und innere Befeſtigung gewinnen würden, ſeinem Throne bereiten könnten, ſtand dem weltklugen Manne lebhaft vor Augen, allein er glaubte Anfangs gewiß, daß die Urheberin deſſelben in dem Kreiſe der Denkfreiheit ſich bleibend bewegen würde, in welchem ſo Viele, ja man kann ſagen, der größte Theil der damaligen gebildeten Geſellſchaft in Italien ſich beruhigte. In dieſer Zuverſicht ließ er Renata eine Zeitlang ruhig gewähren.

Wäre unſere Fürſtin eine jener Frauen geweſen, die auf halbem Wege pflegten ſtehen zu bleiben und denen andererſeits das moderne Heidenthum, wie es in Folge der eifrigen Lektüre der griechiſchen und la⸗ teiniſchen Claſſiker die ganze Halbinſel ergriffen hatte, Genüge geleiſtet, ſo hätte ſich Ercole in ſeinen be