Aufsatz 
Renata von Este, Herzogin von Ferrara : ein Lebensbild aus der Reformationsgeschichte / Franz Bluemmer
Entstehung
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Die eifrigen Bemühungen Renata's um die Wohlfahrt ihrer Kinder unterſtützten ihre beiden vertrauteſten Freundinnen, Frau von Soubiſe und deren Tochter Anna von Parthenai. Auch die ſchöne und talent⸗ volle Lavinia di Rovera, an welche mehrere Briefe in Olympia Morata's Werken vorliegen, ſcheint an dem wiſſenſchaftlichen Leben des Hofes lebhaften Antheil genommen zu haben, ſo wie die frühzeitig durch den Tod dahingeraffte Anna von Beauregard. Eine noch wichtigere Rolle bei demſelben ſpielt die vielge⸗ rühmte Olympia Morata. ¹) Dieſe talentvolle, feingeiſtige, wiſſensdurſtige und aufopferungsfähige Toch⸗ ter des obengenannten Peregrino Morato hatte die Herzogin als Mitſchülerin und Geſpielin ihrer Tochter Anna an den Hof gezogen. Die zahlreichen Schriften derſelben in griechiſcher und lateiniſcher Sprache zeugen von dem Ernſte, mit welchem es an dem Hofe zu Ferrara im Lernen und Wiſſen genommen wurde. Auch ſpricht die Feſtigkeit ihres Charakters dafür, daß die wiſſenſchaftlichen Beſtrebungen daſelbſt nicht, wie gar häufig in der damaligen Zeit, an der Oberfläche des Schöngeiſtigen ihre Befriedigung gefunden.

Auch von den herzoglichen Kindern ſcheint dies geſagt werden zu dürfen; wenigſtens preiſen ihre Leh⸗ rer in überſchwänglichen Lobeserhebungen die Lernbegierde und Liebenswürdigkeit der Prinzeſſinnen. So erzählen ſie uns, daß Anna ſchon als Kind Stücke aus Demoſthenes und Aeſop rezitirte, daß ſie bereits in ihrem zehnten Jahre fertig lateiniſch und griechiſch leſen konnte und bei Zeiten hübſche lateiniſche Gedichte machte. Leonore charakteriſirte ſich frühe ſchon durch ihren melancholiſchen an das Höhere hingegebenen Sinn, der ſich auch äußerlich in einer feinen zarten Leiblichkeit ausprägte; Lucrezia dagegen war mehr heiterer hu⸗ moriſtiſcher Natur, voll ſanguiniſcher Begeiſterung und Gluth; an Anna heben alle Schriftſteller ihren ge⸗ ſunden Verſtand und ihr gefühlvolles Herz mit größtem Lobe hervor: alle drei aber, ſo verſchieden im Ein⸗ zelnen, erfreuten fich der Schönheit, des Wiſſendranges, der Sitte und Zucht als eines gemeinſchaftlichen Gutes. Eiinmal ſehen wir die Prinzen und Prinzeſſinnen eine Probe ihrer Geſchicklichkeit im mimiſchen Fache geben. Es war im Jahre 1543, als Papſt Paul IV. auf einer Reiſe am Hofe zu Ferrara einkehrte. Um einen ſo hohen Gaſt und Gönner zu ehren, wurde aller erdenkliche Prunk aufgeboten. Unter andern Feſten und Spielen war es damals ein beſonderer Wetteifer der Höfe die altelaſſiſchen Theaterſtücke mit Anwendung aller dekoratoriſchen und deklamatoriſchen Mittel in Scene zu ſetzen. Wie uns Muratori meldet,²) zeichnete ſich der Hof von Herrara in dieſer Aunſt vorzugsweiſe aus. Jetzt galt es dieſem Rufe Ehre zu machen; es wurde eine Gomödie von Terenz,die Brüder, in der Urſprache gegeben, wobei Alfonſo und Luigi mit ihren Schweſtern die Rollen mit ſolcher Virtuoſ tät ſpielten, daß der päpſtliche Gaſt hocherfreut und mit Se⸗ gensſpenden vom Hofe ſchied.

Daß es aber bei ſolchen ſchöngeiſtigen Beiredungen in den geſelligen Zuſammenkünften nicht verblieb, das erhellt aus den Werken der Olympia Morata, in welchen ſich drei intereſſante improviſirte Vorleſungen derſelben finden, die ſie auf Anna's Aufforderung vor dem verſammelten Hofe über die Paradoxen des Ci⸗ cero gehalten: ein Gegenſtand, der über dem Kreiſe der gewöhnlichen weiblichen Bildung weit hinausliegt.

Unter ſolchen Verhältniſſen ſchien Renata die glücklichſte der Frauen; allein bald zeigten ſich die Dor⸗ nen an den üppigen Roſen des Glückes, als der Sturm der Leidenſchaften, der Politik und des religiöſen Fanatismus dieſe zu knicken begann. Durch die ſinnliche Richtung der damaligen Zeit und durch die Fri⸗ volität ſeiner Mutter angeſteckt, war der Herzog auf Abwege gerathen und ſtellte das großmüthige Herz ſei⸗

ner Gemahlin mehr als einmal auf harte Proben, die ſie aber mit religiöſer Ergebung und edelmüthiger Güte beſtand. ³)

¹) S. Das Leben der Olympia Morata von Jules Bonnet. Ins Deutſche übertragen von Merſchmann. Hamburg. 1860. 2) p. 367. 368. 3) Münch.

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