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daß am Hofe die neue Lehre bereits ſolche Gönner gefunden, welche der wißbegierigen Jungfrau ſehr nahe ſtanden. Es war dies beſonders die oben genannte Margaretha von Valois. Sie hatte aus ihrer Vor⸗ liebe für den lutheriſchen Glauben keinen. Hehl gemacht; von der Geiſtlichkeit heimlich bei ihrem königlichen Bruder angeklagt, ward ſie von dieſem gegen alle feindlichen Angriffe geſchützt. Als ſie ſpäter durch Verheirathung Königin von Navarra geworden, ließ ſie ſich ſelbſt durch eine Ohrfeige ihres Gemahls nicht abhalten, den verfolgten Anhängern der evangeliſchen Lehre Schutz und Gottesdienſt in ihrem Schloſſe zu gewähren.) Mit dem gleichgeſinnten Dichter Marot hatte ſie ſich leider in ein zu nahes Verhältniß eingelaſſen, das man, wenn man lieſt, in welch ernſtem Briefwechſel ſie mit dem ſittenſtrengen Reformator Calvin geſtan⸗ den, faſt für unmöglich halten ſollte. In Bezug auf ihr Ende wollen wir Brantome Vertrauen ſchenken, wenn er behauptet, ſie ſei im Glauben ihrer Väter geſtorben, aber die nach ihrem Tode erſchienenen hun⸗ dert Novellen, in welchen ſie die Fehler der Mönche und Geiſtlichkeit ihrer Zeit in Bocaccio's Weiſe mit ſcharfer Jauche übergießt, beweiſen hinlänglich, mit welch vorurtheilsloſem Auge ſi ſie die Schäden ihrer Kirche erkannt und in welcher Ueberzeugung ſie von hinnen geſchieden.
Dieſe merkwürdige, geiſtreiche, lebhafte, der augenblicklichen Erregung äußerſt zugängliche Frau nimmt in Bezug auf die Vorliebe der jungfräulichen Renata für den lutheriſchen Glauben gewiß eine viel bedeut⸗ ſamere Stellung ein, als die geſchichtliche Ueberlieferung dieſelbe bezeichnet. Mit welch bezaubernder Be⸗ redſamkeit mochte ſie Renata in die Fragen der Zeit eingeführt und von den Vorurtheilen zu befreien ge⸗ trachtet haben, welche durch Gewohnheit und Erziehung ihren Blick getrübt! Sie war es auch, welche dieſelbe mit vielen vorurtheilsloſen Gelehrten und Würdenträgern der Kirche bekannt gemacht, welche den evangeliſchen Ideen zugeneigt waren, wie mit einem Brigonnet,“) einem Farel,³) einem Lefevre,*) einem Rouſſels) und Andern..
Neben dieſer ihrer ſo anregenden Verwandten ſtand der jungen Prinzeſſin eine verehrenswerthe Er⸗ zieherin zur Seite, Frau von Soubiſe.*) Sie ward eine ſtandhafte Anhängerin des Evangeliums, dem ſie mit ihrem Gemahle und ihrer Tochter bis an ihr Ende treu geblieben. Das innige Band der Treue und Freundſchaft, der Uebereinſtimmung in wiſſenſchaſtlichem und religiöſem Streben, welches Erzieherin und Pflegling umſchlang, konnte ſpäter durch Gewalt nur räumlich getrennt, nicht aber zerriſſen werden.
Allen dieſen Eindrücken vermochte der philoſophiſch gebildete Geiſt Renatas nicht zu widerſtehen. Ihre Hinneigung zu der Reformation mußte aber noch beſtärkt werden durch den Anblick der ängſtlichen Haſt und der blinden Leidenſchaft, mit welcher man um jeden Preis dieſelbe im Keime zu erſticken ſuchte. Auch ſah ſie mit eignen Augen, wie ſo Manche den Verfolgern wichen und lieber ihre beſſere Ueberzeugung auf⸗ gaben, als ihre Stelle und ihren Einfluß verloren; wie dagegen bei Weitem die Mehrzahl der Bekenner der
1) Mathieu: Histoire de François I. p. 20.
2) Wilhelm Briconnet, Biſchof von Meaur, ein Freund der Lehre Luthers, der nicht nur durch ſeine Predigten für Ver⸗ beſſerung des ſittlichen und religiöſen Zuſtandes jener Stadt einzuwirken ſuchte, ſondern auch Gelehrte um ſich ſammelte, welche ſich durch den Eifer für Luthers Lehre auszeichneten. Aus Furcht ſeine Stelle zu verlieren, nnterdrückte er indeß ſeinen Eifer gänzlich.
3) Wilhelm von Farel, nachmals als Reformator von Genf und Neuſchatel bekannt. S. Henry: Leben Calvins. I. 17. und Beil. S. 74.
4) Jakob Lefevre aus Etaples, welcher durch ſeine Commentare über die Briefe des Apoſtels Paulus und über die 4 Evangelien eine richtigere Erklärung des N. T. verbreitete und durch eine die alte Ueberſetzung weit übertreffende Ueberſetzung der Bibel die Verbreitung der Reformation ſehr beförderte. S. Henry.
5) Ueber Rouſſel ſ. Schmidt: Géèrard Roussel. Strassbourg. 1845.
6) Bernier p. 403. Lettres de Calvin.


