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Leider hatte ſie nicht lange das Glück des veredelnden Einfluſſes ihrer beiden Eltern ſich zu erfreuen. Als ſie erſt vier Jahre alt war(am 9. Januar 1514) ſtarb ihre Mutter, offenbar aufgerieben durch den vielen Kummer, welchen ihr die anhaltenden Kriege ihres Gemahles mit dem Papſte verurſachten, und ein Jahr darauf verlor ſie auch den Vater(am 1. Januar 1515), nachdem dieſer dem dringenden Wunſche ſeines Hofes nachgebend ſich mit der Tochter des Königs von England, Heinrichs VlII., vermählt hatte.
Indeß war mit dem Tode ihrer Eltern Renata wenigſtens in Bezug auf die Ausbildung ihrer treff⸗ lichen Fähigkeiten nicht verwaiſt. Ihre Schweſter Claudia hatte ſich mit dem Adoptivſohne ihres Vaters vermählt, den dieſer einen Augenblick vor ſeinem Tode mit den Worten:„Ich empfehle Dir meine Unter⸗ thanen“ zu ſeinem Nachfolger beſtimmt hatte. Franz l., obſchon ſelbſt ohne tiefe Bildung, übte und pflegte beſonders die Dichtkunſt; jedoch übertraf er an jeglicher Pflege auch der übrigen Wiſſenſchaften bei Weitem ſeinen Vorgänger, ſo daß er mit Recht den Namen eines„Vaters der Wiſſenſchaften“ verdient. Auch die bildenden Künſte wurden von ihm nach Kräften gefördert; einem Raphael gab er Beſchäftigung und Leonardo da Vinci wußte er in ſeine Dienſte zu ziehen. Wir wollen hier die Namen der Ge⸗ lehrten nicht alle anführen, die er nach Paris und an ſeinen Hof zog, ſondern nur ſeiner geiſtreichen Schweſter, Margaretha von Valois, nachmaliger Königin von Navarra, gedenken. die ihren Ruf als Dichterin nicht ihrer hohen Stellung allein verdankt, die vielmehr durch ihre Dramen, ihre geiſtlichen Ge⸗ ſänge, aber auch durch die nach ihrem Tode erſchienenen leichtfertigen Novellen ſich eine bleibende Geltung in der Geſchichte der franzöſiſchen Literatur begründet. Neben ihr dürfen wir den Dichter Clément Ma⸗ rot nicht vergeſſen, der nebſt ſeinem Vater Jean Marot in der franzöſiſchen Dichtung Epoche gemacht, und welchen ſein Gönner, der König, ſo oft gegen die Verfolgungen der Geiſtlichkeit geſchützt.
Solch reges geiſtiges Streben, wie es im Lande und am Hofe des ritterlichen Monarchen herrſchte, mußte auch Geiſt und Herz der für alles Wiſſen und jegliches Schöne ſo empfänglichen Prinzeſſin Renata mächtig ergreifen. Daß es die ſchönſten Früchte getragen, preiſen von ihr alle Schriftſteller der damaligen Zeit. Brantome will mit eignen Ohren gehört haben,„wie ſie ſich mit feſtem Ausdrucke über alle Wiſſen⸗ ſchaften, ſogar über Aſtrologie und Sternkunde mit der Königin Mutter unterhalten, und wie dieſe be⸗ hauptet, der größte Philoſoph der Welt ſei nicht im Stande ſich beſſer über dieſe Dinge zu verbreiten“. So ſteht ſie denn als Jungfrau da, ausgerüſtet mit allen Kenntniſſen, welche ihr Zeitalter zu bieten vermochte. Außer ihrer Mutterſprache war ſie des lateiniſchen, griechiſchen und italieniſchen Idioms vollkommen Meiſter und in der Geſchichte, der Mathematik, der Aſtronomie und Aſtrologie hatte ſie bedeutende Kenntniſſe.
Wie aber der Umgang mit den Viſſenſchaften und ihren Vertretern an ſich ſchon dazu beiträgt den Kreis unſrer religiöſen Anſchauungen zu erweitern und uns vor Einſeitigkeit und Kleinlichkeit zu bewahren, ſo läßt ſich dieſes auch bei der geiſtreichen ¹) Königstochter vorausſetzen. Aber unter den vielen Gelehrten, deren Bücher ſie geleſen oder die ſie am Hofe perſönlich kennen gelernt, waren nicht wenige, welche mit hoher Begeiſterung für die neue Lehre ſprachen, welche Luther in Deutſchland verkündigt und welche mit Blitzesſchnelle wie in die übrigen Länder Europa's, ſo auch über den Rhein waren getragen worden. Die Geiſter fingen auch hier alsbald an gewaltig auf einander zu platzen; das„Für und Gegen“ ward von den tüchtigſten Männern der Wiſſenſchaft ſchriftlich nnd mündlich zu Tage gefördert, und wer für das Höhere Intereſſe in ſich trug, hatte hinlänglich Gelegenheit ſich in dem Widerſtreite der religiöſen Meinun⸗ gen umzuſehen und zurecht zu finden. Dürfte man das nicht auch von Renata erwarten? Dazu kam noch,
¹) Brantome ſagte von ihr:„Elle avait un des bons esprits et subtiles qui estait possible.“


