Aufsatz 
Renata von Este, Herzogin von Ferrara : ein Lebensbild aus der Reformationsgeschichte / Franz Bluemmer
Entstehung
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ſcheint wenigſtens der Sinn des ſonſt ungewoͤhnlichen Namens zu ſprechen. In Betreff ihrer körperlichen Erſcheinung ſtehen die Berichte mit einander im Widerſpruch. Die argloſe Neckerei ihres Vaters, von der Bernier ¹) berichtet, über ihre unſchlanke Taille der Mutter gegenüber, iſt bei einem Kinde von höchſtens vier Jahren kein Zeugniß für einen argen körperlichen Fehler; wohl aber zeugt folgende Antwort der Kö⸗ nigin, mit welcher ſie ihrem Gemahle gedient, für den Ernſt und den tiefen Gehalt ihres Charakters:Eine Liebe, die man nur zu der Schönheit des Körpers faßt, vergeht ebenſo ſchnell, als ihr Gegenſtand; aber diejenige, welche die Schönheit des Geiſtes hervorruft, iſt nicht der Veränderlichkeit unterworfen, weil ihr Gegenſtand etwas Bleibendes iſt. Wenn ferner Brantome den Wuchs der Prinzeſſin ſehr fehlerbaft ²) nennt, ſo verdient er, obſchon er mehrmals in ihrer Nähe geweſen zu ſein behauptet, nicht allen Glauben, wenn wir damit den Bericht Muratori's vergleichen, der von ihr als neuvermählten Herzogin ſagt:Sie war eine Prinzeſſin, ausgezeichnet an Schönheit. Da aber beide Schriftſteller an ihr die Hoheit ihres Wuchſes, ſo wie die Majeſtät ihres Antlitzes in ſchwunghaften Worten rühmen, ſo iſt es ſicherlich mit jenem körperlichen Fehler nicht ſo hoch zu nehmen und werden wir der Wahrheit nicht zu nahe treten, wenn wir behaupten, daß die Liebenswürdigkeit und Größe ihrer Seele, die ſich mit zunehmendem Alter immer erfreulicher in ihr entfaltete und befeſtigte, auch in ihrem Aeußern einen untrügbaren Abglanz gefunden. Ein freund⸗ liches aber ehrfurchtgebietendes Auge, dem Gang und Haltung entſprachen, waren ſicherlich die unverkennbaren Zeugen derſelben, ſo daß alle Schriftſteller, voll des Lobes ſind über das Feſ⸗ ſelnde des Umgangs der königlichen Prinzeſſin. Dazu trug denn auch die Lebhaftigkeit und Schärfe ihres Geiſtes, ihre Wißbegierde und ihr warmes Intereſſe an allem Geiſtigen nicht wenig bei. Zum Glück hatte es ihr vom zarteſten Alter an nicht an Gelegenheit gefehlt, dieſe herrlichen Gaben nach allen Seiten hin auszubilden. Herrſchte ja doch zu dieſer Zeit am Hofe noch nicht jener frivole, üppige, dem Aeußeren und perſönlichen Wohlbehagen dienende Ton, wie er ſich bald nachher um den Thron Frankreichs geltend ge⸗ macht und denſelben endlich mit wildem Ungeſtüm zu Grunde gerichtet. Die Königin machte ſich's zur Auf⸗ gabe ihres Lebens in der vornehmen Welt eine weibliche Jugend heranzuziehen, deren koſtbarſtes Geſchmeide bei aller Wiſſenſchaft weibliches Weſen, Beſcheidenheit und Tugend ſein ſollte. Deßhalb ſammelte ſie die Töchter der Großen des Landes um ſich an ihrem Hofe, um ihre Erziehung ſelber zu leiten. Daß es in dieſem Kreiſe nicht an vortrefflichen Lehrern gemangelt, dafür bürgt die Freude der Königin an den Wiſſen⸗ ſchaften, welche ſie trieb die Gelehrten zu ermuntern und zu unterſtützen, dafür bürgt ihr feines ſinni⸗ ges Gefühl für das Schöne, mit welchem ſie die herrlichen Handſchriften und Andachtsbücher mit prächtigen Gemälden ſammelte, die ſich heute noch in den Bibliotheken vorfinden. Aber auch der König, ſo ſehr er das Geklirr der Waffen liebte, war ein warmer Gönner der Wiſſenſchaften. Wir wiſſen von ihm, mit wel⸗ chem Eifer er in ſeinem Reiche zur Erlernung des Griechiſchen aufmunterte, das noch nicht lange im weſt⸗ lichen Europa in Schwang gekommen war, uud wie er die gelehrten Griechen Laſkaris und Demetrius als Profeſſoren nach Paris und Pavia berufen. Auch ſetzte er ſeinen Ehrgeiz darein, die beſten Lehrer im Lateiniſchen zu haben. Als er hörte, daß die Profeſſoren dieſer Sprache in Frankreich nicht ſo rein Latein ſprächen als die in Italien, ließ er die berühmteſten von da nach Paris kommen. Alle dieſe Lehrer wurden, wie ſich denken läßt, zum Unterricht der königlichen Kinder an den Hof gezogen, und ſo erlernte denn die junge Renata von frühſter Kindheit an das Lateiniſche und Griechiſche aus beſter Quelle und mit glän⸗ zendem Erfolge.

1) p. 454. 2)trés gastée.